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Friedrich Scherer

Alfred Stoeckel

Friedrich Scherer
1823-unbekannt

Apostel und Wohltäter der Blinden


Die Zeit während der napoleonischen Kriege ließ, wie bereits erwähnt, im Jahr 1804 die erste Blindenanstalt im deutschsprachigen Raum in Wien erstehen, nachdem in Paris 1784 die erste Unterrichtsstätte für Blinde überhaupt gegründet worden war. In Preußen wurde 1806 durch königliche Order und unter Beauftragung von Prof. August Zeune, Lehrer am Gymnasium „Zum Grauen Kloster" in Berlin, die erste Blindenanstalt ins Leben gerufen.

Ihr folgten Institute in Breslau, geschaffen durch den blinden hochbegabten und befähigten Schüler August Zeunes - Johann Gottlieb Knie - sowie nahezu in allen anderen deutschen Ländern. Was aber not tat, war ebenso wichtig wie die Beschulung Blinder, nämlich der Zusammenschluß von Blinden in selbständigen Werkstätten und zu Gemeinschaften, damit sie soweit wie möglich ihr Schicksal und ihr Los in die eigenen Hände nehmen konnten.

In dieser Zeit trat ein Mann auf den Plan, dessen starke Persönlichkeit, dessen Einflußnahme und dessen psychische Kraft es vermochten, entscheidend dahin zu wirken, daß die Blinden sich zur ersten Selbsthilfe zusammenfanden. Sein Name: Friedrich Scherer, Apostel und Wohltäter der Blinden.

An einer Stelle des kurzen Lebensberichtes über Friedrich Scher schreibt Herr E.v.T.: „So ist er zum Apostel der Blinden gewor den, die, so hoffen wir, ihn einst unter ihre größten Wohltäter zählen werden". Doch weder in den Nachrichtenblättern „Vereins der deutschredenden Blinden", noch im „Blinden freund" auch nicht in der „Blindenwelt", nicht in den Marburger Zeitschriften, ja nicht einmal in der „Geschichte der Blindenselbsthilfe" von Alexander Reuß finden sich Ausführungen über Friedrich Scherer und sein Wirken, obwohl diese unbedingt hin eingehört hätten.

Rein zufälligen Hinweisen verdanke ich das Auffinden von Quel len, die mir Anlaß und Material für eine Würdigung dieses Vorkämpfers für Gedanken praktischer Blindenbildung und -er ziehung und der Schaffung einer Blindenselbsthilfebewegung bo ten. Die Staatsbibliothek enthält nach altem Brauch bei Werken wissenschaftlicher oder besonderer Art zwei Exemplare, die aber nur zur Einsicht und zur Entnahme von Texten oder Notizen an Ort und Stelle ausgegeben werden, sofern diese nicht mehr im Buchhandel zu erwerben sind. Auch die Schriften Friedrich Scherer's sind uns auf diese Weise erhalten geblieben. Ich fühle mich verpflichtet, über diesen einzigartigen, selbstlosen und uneigennützigen blindenpolitischen Pionier zu berichten.

Im dritten Lebensjahr raubte ihm eine unsachgemäße Behandlung bei einer Augenerkrankung das Augenlicht. Scherer erinnert sich später an „Das blinde Kind":

Der Mutter sanftes Auge
Hat niemals mir gelacht;
Des Lenzes Glanz und Prangen
Ist nicht für mich gedacht.

Doch spüre ich das Wehen
Des Zephyrs voller Lust,
Dann zieht der junge Frühling
Auch ein in meine Brust.

Und wenn auf meine Stirne
Die Mutter mich geküsst,
Dann fühle ich, wie köstlich
Die Mutterliebe ist.

Und wenn mit mildem Tone
Die Mutter zu mir spricht,
Dann tönt's in meinem Herzen:
„Du bist so elend nicht".

Scherer wurde am 5. 9. 1823 in Ehgingen bei Wassertrüdingen in Mittelfranken geboren. Über den Beruf seines Vaters finden sich drei unterschiedliche Angaben, so daß gesagt werden kann, er sei ein biederer Handwerker gewesen. Das Leben Friedrichs umlief so wie das vieler blinder Kinder; er wurde von der Mutter sorgsam umhegt.

Früh zeigte er großes Interesse an der weiteren Umgebung seiner Dorfheimat und streifte gern allein und selbständig durch Wald und Flur. Als Hospitant, ausschließlich auf das Zuhören beschränkt, besuchte er die örtliche Schule. Er fiel bald durch besondere Anteilnahme an dem gebotenen Schulstoff auf, mit dem er sich - memotechnisch begabt - befaßte, so daß sein Lehrer Hirschmann wie auch dessen Frau und Tochter sich auch außerhalb der Schule viel mit ihm beschäftigten.

Manuelle Geschicklichkeit, Naturverbundenheit und Selbständigkeit stärkten seine Lebenstüchtigkeit. Nach dem Schulbesuch verdiente er sich als Dorfmusikant - er hatte bei einem Klarinettisten das Spielen dieses Instrumentes erlernt - ein wenig Geld und trug so dazu bei, das kärgliche Einkommen der Eltern etwas zu erhöhen.

Friedrich war mit seiner Berufsausbildung, die er als Autodidakt nur unzulänglich hatte wahrnehmen können, höchst unzufrieden und strebte nach einer berufsfachlichen Unterweisung in der erst vor einigen Jahren gegründeten Blindenanstalt in München. Das war aber aus vielerlei Gründen sehr schwierig. Da seine geistige Befähigung und sein starker Wille bereits erkennbar wurden, interessierten sich für ihn, von seinem ehemaligen Schullehrer aufmerksam gemacht und vermittelt, der Arzt Dr. Segel, der Ortspfarrer und der Landrichter aus Wassertrüdingen, so daß Friedrich im Jahr 1839 schließlich in der Münchener Blindenanstalt aufgenommen wurde. Er unterzog sich einer handwerklichen Lehre und blieb dort bis zum Jahr 1845.

Inzwischen hatte Friedrich Scherer das 22. Lebensjahr erreicht. Ausgerüstet als Fachhandwerker, trat er nun erneut ins Leben; doch schon während seines Aufenthalts im Internat hatte er festgestellt, daß die tägliche Bindung an den Handwerksschemel für ihn keine Lebensaufgabe bot und kein Fortkommen bedeutete, wie es ihm vorschwebte. Er wollte die „Flügel rühren", nachdem er „flügge" geworden war, und er rührte sie mächtig. Neben seinen erworbenen Kenntnissen nahm er sich auch der Aufgabe an, Los und Leid seiner Kameraden zu ergründen, und so mag ihm wohl schon frühzeitig der Gedanke gekommen sein, sich als Freund und Helfer zu betätigen. Dieser Gedanke blieb bei ihm hellwach und zündete ein loderndes Feuer des Mitgefühls unter Berufung zu sozialer Entfaltung. Er spürte und wußte, daß, wenn er höhere Ziele ansteuern wollte, auch eine höhere allgemeine und fachliche Bildung Voraussetzung für seine Bemühungen sein müßte.

So war sein Sinn darauf gerichtet, die Universität zu besuchen und eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Solche Absichten konnte er aber nur verwirklichen, wenn er abermals Gönner und Förderer von Rang und Namen für seine Ideen zu gewinnen vermochte. Dies gelang ihm m einer geradezu bewundernswerten Weise. Es erscheint wünschenswert, diese uneigennützigen Freunde zu erwähnen. Vor allen Dingen waren es der Rechtskandidat Karches, der ihn auch für sein großes Ziel in didaktischer Beziehung vorbereitete. Ferner Prof. Hefler, Prof. Lindemann, Dr. Kuhn, Dr. von Biarowski, Hofrath von Schubert und Staatsrath Herrmann.

Dank der Einflußnahme einiger vorgenannter Persönlichkeiten war der bildungshungrige blinde junge Mann dem Hof und selbst dem König und seiner Familie nicht fremd geblieben. So interessierte man sich an höchster Stelle für ihn, und König Ludwig und seine Gemahlin Therese, besonders aber Prinz Karl bewilligten ihm ein Stipendium zum Besuch der Universität. Er absolvierte dieses Studium mit Hingabe, Fleiß und Gewissenhaftigkeit während acht Semestern, in welchen er Philosophie und andere Fächer belegte. Nicht unerwähnt bleiben soll, daß Zeltner, ein reicher bekannter Fabrikant aus Nürnberg, Gefallen an dem strebsamen Studenten fand und ihn materiell unterstützte. Abermals stand Friedrich Scherer in der freien Welt, die er sich nun als junger Akademiker zu erobern vornahm.

Bereits in den Semesterferien, aber ganz besonders nach Abschluß seines Studiums, suchte er die Blindeninstitute in Württemberg, der Schweiz und Österreich auf, um durch Vergleiche von Unterrichtsmethoden und Ausbildungsprinzipien sein Wissen zu berei chern und für sich selbst Grundlagen zur Gründung einer Blin denanstalt zu gewinnen. Bei seinem Naturell, seinem Wissen und der eigenen, leider nicht immer guten Erfahrung aus dem Mün chener Internatsleben ist es nicht verwunderlich, daß ihm Grund lage und Pläne der meisten Anstalten nicht gefielen; nicht zuletzt deshalb, weil der Blinde zu wenig als Persönlichkeit im Mittelpunkt der geistigen und charakterlichen Bildung stand.

Zielbewußt und mit Begeisterung ging er daran, Idee und Plan einer Anstaltsgründung zu verwirklichen. Die Hauptstadt seines Frankenlandes schien ihm hierfür der geeignete Platz zu sein. Doch war ein solches Vorhaben nicht leicht durchzuführen. Schwierigkeiten mannigfaltiger Art galt es zu überwinden. Vor allen Dingen waren Vorurteile zu beseitigen. Zudem wollte Sche rer selbst, um als Gleicher unter Gleichen in Erscheinung treten zu können, die Lehrerprüfung ablegen. Am Lehrerseminar in Schwabach unterzog er sich dieser.

Der Text einer Urkunde vom 3.12.1851 der Lokalschulkommission der königlich bayerischen Stadt Nürnberg lautet: „In der Anlage bittet Friedrich Scherer um die Erlaubnis, in Gemeinschaft mit dem Lehrer S. hier eine Blindenanstalt errichten zu dürfen. Nach der Eingabe Scherers würde die projektierte Blindenschule als ein Privatunternehmen sich darstellen, gegen welches nichts einzuwenden wäre".

Scherer gründete also im Jahr 1854 die Blindenanstalt in Nürnberg. Die Zahl der Zöglinge betrug im ersten Jahr sechs, nach einem weiteren Jahr zehn und das Vermögen, zu dem er selbst beigetragen hatte, 30 000 Gulden.

Überraschende Resultate und öffentliche Schulprüfungen vermehrten das Ansehen des Institutes. Differenzen über Schulmethodik und angestrebte Lebensstellung der Blinden veranlaßten i hn, der viel weitergehende Ziele anstrebte, dann aber, seine eigene Stiftung aufzugeben. Scherer kam es darauf an, die zehntausend deutschsprachigen Blinden für den großen Gedanken der allgemeinen Beschulung zu gewinnen, zumal nur ein ganz geringer Prozentsatz von ihnen einer systematischen Schulung unterzogen wurde.

Das durch Louis Braille ersonnene Punktschriftsystem begann sich erst richtig in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchzusetzen. Scherer selbst benutzte, wie verbürgt ist, die Punktschrift und lehrte sie auch.

Er erstrebte einen Zusammenschluß aller Blinden zu Gruppen und Vereinen. Er nahm daher seine Informationsreisen, die ihn in alle deutschsprachigen Gegenden bringen sollten, wieder auf, reiste von Stadt zu Stadt, um die Bevölkerung, vor allen Dingen aber die Regierungen und Verwaltungen, für seine Ideen zu gewinnen. Schließlich versuchte er auch, durch Vorträge und ver öffentlichte Aufsätze Mittel für die von ihm verfolgten Zwecke zu erlangen.

Mit seiner dynamischen Persönlichkeit führte Friedrich Scherer geradezu einen „Kreuzzug" für die deutschen Blinden. Das zahl reiche Publikum seiner Vorträge gewann er aus den Kirchengemeinden, den vaterländischen und Hausfrauen-Verbänden, den Handwerkszünften usw.

In seinen gedruckten Vorträgen und Appellen für und an die Öff entlichkeit heißt es beispielsweise: „Leider sind selbst in unseren Ta gen noch sehr viele von dem Vorurteil befangen, der Blinde sei unfähig, dahin gebracht zu werden, daß er eine seinen Verhältnissen entsprechende, einigermaßen selbständige Stellung in der menschlichen Gesellschaft einnehmen kann. Er soll daher unter beständiger Vormundschaft stehen oder, nach Meinung der Mindergebildeten, in geistiger und leiblicher Verkümmerung an dem Orte, wohin das Schicksal ihn geschleudert, verbleiben, ohne nur die hohe Bestimmung des menschlichen Daseins kennenzulernen, gefesselt einzig und allein an die Scholle und an die Umgebung, sei sie liebevoll oder lieblos, welche der Zufall ihm gegeben".

Er verwies auf die wenigen, aber äußerst befähigten Blinden und führte wörtlich aus: „Ich erinnere mich nur an einen Knie, Richard und Kröpler, die noch heute als Vorstände der Blindenanstalten zu Breslau, Hamburg und Stettin für ihre unglücklichen Leidensgenossen höchst segensreich wirken und viele andere". Seine Schriften, in welchen er Grundlage und Ziele einer umfassenden blindenpolitischen Konzeption, wie ich mich immer gern ausdrücke, darlegte, fanden nicht nur weitestgehend die Zustim mung maßgebender Kreise, sondern auch entsprechende Verbrei tung. Sein Buch „Die Zukunft der Blinden" erlebte 13 Auflagen, ein ganz ungewöhnlicher Umstand, zumal es sich nicht um belle tristische Literatur handelte.

Im Zenit seines Schaffens angelangt, gründete Scherer eine zweite Anstalt in Altona, außerdem eine internationale Blindenanstalt in Speyer und schließlich zwei Blindenkomitees in Bamberg und Bayreuth. Ferner war er der Begründer des Schleswig-Holsteini schen Blindenfürsorgevereins mit dem Ziel, eine Blindenanstalt in Kiel zu errichten; diese wurde im Jahr 1860 ins Leben gerufen.

Am 26. 3. 1878 „bezeugt das Bürgermeisteramt der Kgl. Bayeri schen Kreishauptstadt Speyer, daß Herr Friedrich Scherer seit dem 4. Jänner 1869 ein internationales Blindeninstitut dahier errichtet hat und seit dessen Gründung demselben vorstand. Die Leistungen dieser Anstalt, insbesondere auf dem Gebiete der M usik, haben allgemeine Anerkennung gefunden. Da kam zunächst der Krieg von 1870/71, welcher allen humanistischen Bestrebungen in engeren Kreisen ein Ende setzte. Im November 1871 mußte die Anstalt wieder eingehen. Herr Scherer verlor dabei nicht nur seine mühsam erworbenen Ersparnisse, welche er freudig zu dem all'gemeinen Liebeswerke hingegeben, sondern es ging auch das ganze Vermögen seiner Frau, welche ihn treulich bei dem Unterne hmen unterstützt hatte, mit zu Verlust".

Scherer indes ließ sich nicht entmutigen. Er bereiste weiter Länder und Städte, besuchte Blinde und wurde nie müde oder verzagt, immer wieder zum Zusammenschluß aufzurufen. Die Zeit jedoch schien noch nicht reif zu sein. Erst nach dem 1. Blindenlehrerkonereß 1873 in Wien, dessen Zustandekommen wesentlich auf ihn zurückzuführen ist, hielt er wiederum einen flammenden Appell zur Selbsthilfe an alle Blinden, Blindenanstalten, Blinden lehrer und Fürsorgeeinrichtungen, eine solche Maßnahme zu unterstützen und zu fördern. Seine unablässigen Bemühungen wurden belohnt und gekrönt durch die Gründung der ersten Selbsthilfeorganisation in Deutschland, des Allgemeinen Blinden vereins Berlin, am 5. Juli 1874.

Der Philanthrop Scherer war nicht nur der intellektuelle Urheber einer Blindenselbsthilfebewegung, er war auch der Urheber für die Forderung einer Blindenhilfe, wie wir sie heute in Anspruch nehmen. Auf seinen Antrag um Gewährung einer laufenden Blin denhilfe an den bayerischen Innenminister Freiherr von Feilitzsch antwortete dieser am 30. September 1880: „Euer Wohlgeboren hatten die Güte, mir Ihre Vorträge zum Zweck der Hebung des Blindenwesens zu übersenden und einen Vorschlag zur Gründung einer Blindenversicherungsbank und Regelung der permanenten Unterstützung aller Blinden durch den Staat beizufügen. Ich habe von beiden Schriften mit großem Interesse Kenntnis genommen und werde, so weit meine Stellung es mir ermöglicht, nicht verfehlen, der Besserung des traurigen Loses der Blinden und der Hebu ng ihrer materiellen Lage meine wärmste Teilnahme zuzu wenden".

Vierzig Jahre später griff der Reichsdeutsche Blindenverband Scherer`s Gedanken einer Blindenhilfe durch die Forderung einer öffentlich-rechtlichen Blindenrente wieder auf. Dem RBV war aber genau so wenig Erfolg beschieden wie Scherer. Nach weite ren 40 Jahren trug dann Scherer's Idee mit der Erfüllung entspre chender Forderungen des Bayerischen Blindenbundes, danach des Allgemeinen Blindenvereins Berlins und später auch in Österreich Früchte.

So war Scherer unermüdlich tätig, um einerseits die Öffentlichkeit aufzuklären, zum anderen begründete Bitten und Wünsche an Dienststellen, Behörden und Minister heranzutragen. Er kämpfte für eine bessere Zukunft der Blinden in Deutschland und Öster reich, denn er war erfüllt von einer Mission, die ihn von Ort zu Ort und von Land zu Land trieb.

Ein Dank wurde ihm allerdings von keiner Seite zuteil. Vergeblich suchte ich bei meinen Bemühungen nach geschichtlichen Quellen über sein Wirken und Lebenswerk nach Anerkennungen, wie sie anderen Blindenpädagogen, Anstaltsleitern und Anstaltsgründern mit Recht zuerkannt wurden.

Mit Sachverstand wußte Scherer uneigennützige Blindeninteres sen wahrzunehmen. Seine Bücher fanden zustimmende Resonanz bei einflußreichen Persönlichkeiten. Sie blieben auch keineswegs unbeachtet, doch soll hier des Raummangels wegen auf die wört liche Wiedergabe der Antworten aus Anerkennungsschreiben ver zichtet werden, die er u.a. von Kaiser Franz Joseph von Öster reich, Kaiser Wilhelm I. von Deutschland und König Ludwig von Bayern erhielt.

Sein Buch „Die Zukunft der Blinden", welches wesentlich zur Verbreitung besserer Erkenntnisse über Blinde beigetragen hat, ist geradezu ein Füllhorn und eine Fundgrube nützlicher Erfahrun gen. Alexander Mell hat zweifellos in seiner Enzyklopädie einen Großteil statistischer Angaben aus nahezu allen Bereichen des Blindenwesens aus Scherer's „Die Zukunft der Blinden" über nommen. Die letzte Auflage stammt aus dem Jahr 1882, währen das Nachschlagwerk von Mell im Jahr 1900 erschien. Daß Friedrich Scherer mit einer vermögenden Partnerin verheira tet war, geht aus dem vorher erwähnten Zeugnis des Bürgermeisters von Speyer hervor. Unbekannt geblieben ist jedoch bis heute, ob er Familie gehabt hat und wann und wo er gestorben ist.

Friedrich Scherer, der Pionier unserer blindenpolitischen Bestrebungen und Gründer der Selbsthilfebewegung, war ein alter Mann geworden, der weise rückschauend seine Lebensbemühungen an seinem inneren Auge vorüberziehen ließ, als er das folgen­ de Gedicht niederschrieb:

Der blinde Greis

Ich hab' der Welt vergeben,
Was sie an mir gethan.
Wenn sie mich kränkte, war es
Nicht Bosheit, sondern Wahn.

Ich denk" in Ruh' des Wehes,
Das mich einst tief gebeugt,
So wie der stolze Sieger
Die tiefe Narbe zeigt.

Und freudig blick' der Zukunft
Ich in das Angesicht;
Denn aus dem dunkeln Flore
Schau' ich zu Gottes Licht.

Es gehört zur Tragik dieses großen Mannes, daß es ihm versagt blieb, die Ernte seiner Saat selbst mit einzubringen.

Wir haben bei den Porträts des weltberühmten Louis Braille und des bedeutenden Friedrich Scherer feststellen können, wie genial das ersonnene Blindenschriftsystem für die Blindenbildung war. Hierbei kommt Friedrich Scherer als dem Gründer von Blindenunterrichtsstätten, als Pädagogen und Propagandisten über die Landesgrenze hinweg namentlich für die Zeit nach dem Ableben von Louis Braille, insbesondere nachdem der Deutsche Blindenlehrerve rein gegründet wurde, ganz besondere Bedeutung zu. Im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts war es die dankenswerte Aufgabe des Blindenlehrervereins, das Braille'sche Blindenschrift grundsystem (später Vollschrift genannt) zu erweitern und reformieren, und so entstand eine sogenannte Blindenkurzschrift.

Es blieb noch lange ein bedauerlicher Übelstand, daß hierbei die deutsche Blindenschaft als Korporation nicht mitzuwirken vermochte, denn es gab eine solche leider noch nicht. Erst Scherer's wiederholte und dringende Appelle veranlaßten die örtliche Bildung einer Blindenselbsthilfeorganisation 1874 in Berlin. Diese jedoch beschränkte sich auf den Raum Berlin, obgleich andere Ortsvereine, ohne Kontakt untereinander aufzunehmen, allmählich entstanden. Dadurch fehlte eine reichsweite Einflußnahme auf vielerlei gewachsene blindenpolitische Sachgebiete, darunter eben auch die Verbreitung der blindenbildungsfördernden Punktschrift.

Erst nachdem 1912 eine reichsweite Blindenorganisation (Der Reichsdeutsche Blindenverband) gegründet worden war, begann ein Werden, Wachsen und Wirken in einer leider ach zu losen Zusammenarbeit mit den Blindenanstalten und den Blindenleh­rern. Ein fruchtbarer Aufschwung, der sich segensreich für eine neue Integration in Beruf und Gesellschaft auswirken sollte, wie wir heute wissen, wurde Realität. Hierbei soll, weil es die geschichtliche Entwicklung des deutschen Blindenwesens auf allen Gebieten sichtbar demonstriert, das Erscheinen und Auftreten sowie die sich positiv auswirkende Einflußnahme der deutschen Kriegsblinden vermerkt werden.


Alfred Stoeckel,
Von Homer bis Helen Keller – Berühmte und bedeutende blinde Persönlichkeiten aus drei Jahrtausenden,
Deutscher Blindenverband e.V., Bonn, 1. Auflage 1983

 

 

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