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Jacobus ten Broek

Alfred Stoeckel

Jacobus ten Broek
1911-1968

Gründer der " National Federation of the Blind"


Die Porträts, die in diesem Buche erscheinen, verdienen es wahrlich, wegen ihrer zum Teil weltweiten, zumindest geschichtlichen Bedeutung, einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt zu werden. Dabei handelt es sich nur um bedeutende blinde Persönlichkeiten, die bereits nicht mehr unter uns weilen.

Erfreulicherweise gab es auch noch in diesem Jahrhundert, sogar bis ins letzte Dezennium, solche Persönlichkeiten. Zu nennen sind die Namen von zwei Amerikanern, die den Abschluß meiner historischen Chronik bilden sollen, nämlich Jacobus ten Broek und - im nächsten Kapitel vorgestellt - Helen Keller.

Wenden wir uns also zunächst Jacobus ten Broek zu. Geboren wurde er 1911 in Alberta (Kanada). Von ihm hätte man noch viel erwarten können, wenn er nicht bereits im Alter von 56 Jahren an einer bösartigen Krankheit gestorben wäre. Durch einen Unfall verlor er bereits im Kindesalter sein Augenlicht. Er besuchte zunächst die Blindenschule in Berkeley, Kalifornien, wo er durch Fleiß, Aufmerksamkeit und einen scharfen Intellekt auffiel. Da­durch schien er seinen Lehrern, seiner Familie und seiner gesell­schaftlichen Umgebung prädestiniert zu sein für einen akademi­ schen Beruf.

Nach dem Besuch eines Gymnasiums und nach bestandenem Abitur studierte er mit Erfolg Jurisprudenz und erwarb den Doktorgrad mit Auszeichnung. Seine Bestrebungen, die akademi sche Laufbahn zu beschreiten, erfüllten sich und wurden belohnt durch die Berufung zum Professor an die Universität, und zwar zum Inhaber eines Lehrstuhls.

Neben seinem Beruf verspürte ten Broek eine leidenschaftliche innere Berufung, sich dem Schicksal der Blinden voll und ganz zu widmen. Er sah in seiner nächsten Umgebung und weit darüber hinaus, daß noch sehr viel zu tun sei. So ging er mit großem Engagement ans Werk. Er informierte sich bei älteren und jünge­ren Blinden in ganz Amerika, nahm Einfluß und erwarb dadurch Erfahrungen und Kenntnisse, die er in Wort und Schrift in der Gesellschaft, bei Parlamentariern und innerhalb der UNO wirk­sam zu vertreten wußte.

In diesem Zusammenhang ist zu vermerken, daß viele seiner Gedanken aus der persönlichen Beziehung zu Helen Keller, den Diskussionen und dem Schriftwechsel mit ihr entstanden sein mögen. Später trat er auch in Kontakt zu Carl Strehl in Marburg, dem er auf außereuropäischer Basis verdiente Förderung zuteil werden ließ.

Wie bereits erwähnt, besuchte ten Broek die Blindenschule in Berkeley, Kalifornien. Er gründete zunächst in Kalifornien die „National Federation of the Blind" und wurde ihr erster Präsi­dent. Dadurch war erstmals eine außereuropäische Blindenselbsthilfe geschaffen. Die kalifornische Gründung war die Urzelle für nachfolgende nationale amerikanische Organisationen, die ten Broek ins Leben gerufen hatte und die ständig nützliche Anregun­gen von ihm empfingen.

1940 trafen sich eine Handvoll blinder Männer und Frauen in Wilkes-Barre, Pennsylvania, um eine neue und einigende Organi­sation einzuweihen. Dieses Treffen war der Anfang der nationalen Föderation der Blinden, der ersten nationalen Organisation der Blinden selbst und einer echten Föderation von Blinden durch Blinde und für Blinde.

Hinter diesem Treffen stand die treibende Kraft von Jacobus ten Broek, dem damals 29 Jahre alten blinden Akademiker aus Berkeley, Kalifornien. Er war und blieb bis zu seinem frühen Tode Mentor und geistiger Träger der amerikanischen Blindenselbsthilfe. Er verfaßte eine Reihe wissenschaftlicher Bücher über das Wohlfahrtsrecht für Blinde und gründete 1964 in New York an­läßlich des Kongresses des Weltrates für die Blindenwohlfahrt - zusammen mit einer Anzahl erfahrener Blindenpolitiker aus allen Kontinenten - die „Internationale Föderation der Blinden". Diese Gründung fand in der weltweit bekannten UNO statt. Die deut­sche Delegation bestand aus Prof. Dr. Strehl (Delegationsleiter), Dr. Horst Geißler, Dr. Hans Ludwig, Dr. Franz Sonntag, Dr. Dorner und Prof. Alfred Stoeckel. In der neu gegründeten IFB waren zehn nationale Organisationen vereint.

Der weiße Stock wurde zwar von der Französin Guilly d'Herbemont, Paris, im Jahre 1931 erfunden und dafür, wie für ihre besonderen Verdienste um die Blinden von Paris, wurde sie zum Offizier der Ehrenlegion ernannt und von der Stadt Paris mit ihrer höchsten Auszeichnung, der Platinmedaille, geehrt; aber ten Broek war der Urheber des amerikanischen Gesetzes über den weißen Stock als alleiniges geschütztes Blindenverkehrsschutzzeichen.

Diese Idee eroberte sich wegen ihrer praktischen und fortschritt­lichen verkehrspolitischen Bedeutung auf Gesetzesbasis allmäh­lich die ganze Welt. Auch führte ten Broek den Langstock ein und begründete damit das Prinzip der Langstock-Mobilität, das heute überall Verbreitung gefunden hat.

Ten Broek war auch Schöpfer und Herausgeber der ersten ameri­kanischen Blindenselbsthilfezeitschrift „The Monitor" und seine Gedanken, Ideen und Appelle fanden durch diese Zeitschrift weltweite Verbreitung. Ebenso ist auf ihn zurückzuführen, daß der Weltrat für die Blindenwohlfahrt 1964 in New York den Entschluß faßte, daß fünfzig Prozent seiner Delegierten durch die Blindenselbsthilfe zu stellen seien. Eine außerordentlich wichtige blindenpolitische Entscheidung!

Im Jahre 1963 erhielt ten Broek die Berufung zum Professor der politischen Wissenschaften. In dieser Zeit veröffentlichte er einige Bücher und mehr als 50 Artikel und Schriften auf dem Gebiet der Wohlfahrt, Regierung und Gesetzgebung. Noch auf dem Sterbe­bett vollendete er ein wissenschaftliches Werk über die Gesetzge­bung der Körperbehinderten.

1950 wurde er Mitglied des „California State Board" der sozialen Wohlfahrt und war von 1960-1963 ihr Vorsitzender.

Seine großen Erfolge hatte ten Broek nicht zuletzt durch seine unmittelbare, persönliche Einwirkung auf die amerikanischen Präsidenten nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die weltweite Blindenselbsthilfe hat mit dem frühen Ableben von ten Broek - er starb am 27. März 1968 - einen schmerzlichen, nachhaltigen Verlust zu beklagen.


Quelle: Alfred Stoeckel, Von Homer bis Helen Keller - Berühmte und bedeutende blinde Persönlichkeiten aus drei Jahrtausenden, Deutscher Blindenverband e.V., Bonn, 1. Auflage 1983

 

 

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