Inhalt Rechts

Rechte optische Spalte

Sprachauswahl

Dritte Spalte

Inhalt Mitte

Breadcrump Menü

Sie sind hier:

Hauptinhalt

.

Johannes Nathan

Hartmut Mehls und Rolf Zacharias

Johannes Nathan
1856-1921

Ein Bahnbrecher der Blindenselbsthilfe


Wer kennt ihn heute noch? Und doch gehört Johannes Nathan zu jenen Anregern und Initiatoren, die Inhalt und Richtung der Blindenselbsthilfe am Ende des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum entscheidend bestimmten. Nur wenige Quellen wurden bisher gefunden, die sein Leben und Werk dokumentieren, deshalb werden Lücken in seiner Biographie durch historische Analogien geschlossen. (So ist z.B. zu vermuten, aber bisher nicht zu belegen, dass Nathan den Namen Johannes erst mit dem Übertritt vom Judentum zum Christentum annahm.)

Ein weiterer Grund, weshalb er der Vergessenheit anheim fiel, lässt sich anhand des „Nachrufs“ von Julius Reusch (Reusch 1921, 71 ff.) vermuten:

Nathan war ein Mann von ganz außerordentlicher Geistesschärfe. Von der einmal gefaßten Meinung ging N. nicht oder doch nur äußerst selten ab, und grenzte seine Beharrlichkeit zuweilen an zähen Eigensinn“ (72). Dieser Charakterzug gewann ihm wenig Freunde, aber viele, die seine Ideen aufgriffen und den Gegebenheiten anzupassen suchten, während er die Gegebenheiten nach seinen Vorstellungen kompromisslos umgestalten wollte. Die Entwicklung im Blindenwesen verfolgte er äußerst kritisch und nicht selten schroff ablehnend, wenn sie nicht seinen Vorstellungen entsprach. (Niemand, der mit ihm in nähere Berührung kam, war Nathan gegenüber neutral und blieb von seiner Haltung unbeeinflusst.) Nathan war und blieb selbstloser Einzelkämpfer für die Interessen - wie er sie verstand - aller Blinden, wobei er Zeit, Geld und Rat großzügig einsetzte, obwohl er nie mit den „Gütern dieser Welt“ reichlich gesegnet war.

War er vielleicht deshalb nicht reich gesegnet, weil es für ihn wichtigere Dinge gab, als seine Intelligenz und seine Fähigkeiten für Geld und Güter einzusetzen?

Johannes Nathan wurde als Sohn armer jüdischer Eltern am 7. Februar 1856 zu Hamburg geboren. Er erblindete im achten Lebensmonat infolge einer Augen-entzündung. Bereits die Eltern lehrten den Knaben die Handgriffe des täglichen Lebens und zogen ihn zu häuslichen Tätigkeiten heran, wodurch er gegenüber den meisten anderen blinden Kindern einen Entwicklungsvorlauf gewann. Ab wann der Knabe dann die „Hamburger Blindenanstalt von 1830“ besuchte, ist nicht bekannt, doch scheint das mitunter angegebene Jahr 1860 zu früh angesetzt zu sein, denn die Blindenanstalt von Hamburg nahm - nach dem heutigen Erkenntnisstand - nicht vierjährige Kinder auf.

Der Knabe erhielt die normale Schulbildung, wie sie von Gerhard Jeschke in der „Geschichte der Blinden und Sehbehinderten in Hamburg“ (Jeschke 2003) beschrieben wird, wobei Nathan den Lehrern durch seine Lebhaftigkeit und seinen Wissensdrang auffiel. In der Anstalt erlernte er als Blindenhandwerk das Stuhlflechten und erhielt seine Musikausbildung. Aus diesem Bildungsweg (Schule, Handwerk, Musikausbildung) erklärt sich, warum Johannes Nathan in späteren Jahren - wie andere Musiker mit gleichem Werdegang auch - sich entschieden gegen die Auffassung praktisch aller Direktoren der deutschen Blindenanstalten wandte, die aus wohlüberlegten Gründen diese Prioritäten setzten. Die Direktoren sahen in diesem Ausbildungsgang eine gewisse Garantie, dass der Nichtsehende wenigstens einen Teil seines Lebensunterhaltes selbst verdienen könne, wenn er als Musiker scheitert. Dagegen warfen die blinden Musiker den Pädagogen vor, dass ihnen die handwerkliche Ausbildung Zeit geraubt hat, die sie z.B. für Übungsstunden dringend benötigt hätten und die handwerkliche Ausbildung ihnen obendrein die Beweglichkeit der Finger beeinträchtigt hat.

Von Nathan sind aber keine groben Ausfälle gegen die Auffassungen der Blindenpädagogen bekannt - wie von anderen Blinden - und im Grunde auch bei seinem prüfenden Verstand und zurückhaltenden Charakter unvorstellbar. Selbst bei aller Entschiedenheit, mit der er seine Auffassungen vortrug, wahrte er immer die Form im Meinungsstreit, jedoch verletzte er so manches Mal durch seinen Sarkasmus.

Ob Nathan bereits während der Schulzeit die Punktschrift erlernte, die offiziell erst nach 1879 (als er bereits 23 Jahre alt war) in den Blindenanstalten Deutschlands eingeführt wurde, ist nicht bekannt. Doch eignete er sie sich und auch die Blindennotenschrift relativ frühzeitig und gründlich an und wurde zu einem ihrer eifrigsten Verfechter im deutschen Sprachraum. Er beteiligte sich an der internationalen Diskussion zu ihrer Vereinheitlichung, wobei er auf den internationalen Charakter der Notenschrift - im Gegensatz zur deutschen Blindenkurzschrift - besonderen Wert legte.

Im Jahre 1874 kehrte Nathan ins Elternhaus zurück und versuchte, sich durch Stuhlflechten, Klavierspielen und -stimmen zu ernähren. Er beabsichtigte auch, sich als Musiklehrer zu etablieren; jedoch ohne Erfolg. Ihm fehlten nicht das Wissen und Können für den Beruf des Lehrers, sondern das pädagogische Einfühlungsvermögen in die Haltung der Schüler. Erst in späteren Jahren war er duldsam genug, um begabte Schüler unterrichten zu können. Trotz seiner mannigfaltigen Anstrengungen gelang es ihm nicht, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Er zog in ein Hamburger Blindenasyl.

Bereits als Jüngling kam er mit Pastor Gleis in näheren Kontakt und trat im Jahre 1880 zum Christentum der lutherischen Konfession über. Johannes Nathan tat diesen Schritt nicht aus Opportunismus oder irgendwelcher Vergünstigungen wegen, sondern aus voller Überzeugung, wobei er nicht nur die Bibel in allen ihren Teilen gründlich studiert hatte, sondern auch die lutherischen Bekenntnisschriften genau kannte. Sein christlicher Glaube blieb gepaart mit dem Bekenntnis zu seiner jüdischen Herkunft, die er nie verleugnete.

Im Jahre 1883 rief ihn Direktor Oskar Nothnagel, gleichfalls Hamburger, an die Blindenanstalt nach Riga. Dort scheint Nathan sowohl als Hilfslehrer für Stuhlflechten als auch als Musiklehrer tätig gewesen zu sein. Warum er bereits nach drei Jahren wieder Riga verließ und nach Hamburg zurückkehrte, ist nicht bekannt. Möglicherweise befriedigte ihn die Stellung eines Hilfslehrers nicht. Offensichtlich reizte aber auch das Angebot der Organistenstelle an der Kreuzkirche zu Hamburg-Barmbek, die er im Jahre 1886 erhielt und bis zu seinem Tode bekleidete. Doch auch hier fand er nicht sein volles Auskommen und musste durch Klavierspiel sowie Konzert-reisen und Notenübertragungen in Punktschrift sich einen Nebenverdienst suchen.

Bereits im Oktober 1888 brachte Johannes Nathan mit Pastor Heinrich Grütter den „Monatsboten“ heraus, den die Königliche Blindenanstalt Steglitz in Punktschrift druckte; doch scheint kein Exemplar mehr erhalten zu sein.

In Diskussionen mit Otto Eller, J. Gosch, Christian Krohn und anderen im gleichen Jahre 1888 kam Johannes Nathan zu dem Schluss, dass bildende und unterhaltende Zeitschriften für die Weiterentwicklung des Blindenwesens nicht ausreichen und ein überregionaler Zusammenschluss der Blinden dringend erforderlich sei. Er begann, Adressen im deutschsprachigen Raum zu sammeln. Es war ein mühsames Unterfangen, denn die ehemaligen Schüler einer Schule hielten zwar Verbindung untereinander, aber darüber hinaus gab es kaum Kontakte zwischen den Blinden der verschiedenen Regionen, und ihm ging es um den ganzen deutschsprachigen Raum.

Am 11. November 1890 versandte Johannes Nathan einen Aufruf an etwa 40 Blinde in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In ihm forderte er die Angeschrie-benen zur Bildung eines „Vereins der deutschredenden Blinden“ auf. Bis Ende Dezember 1890 waren 35 Beitrittserklärungen eingegangen, so dass der Verein nunmehr als gegründet angesehen werden konnte. Der „Verein der deutschredenden Blinden“ war und blieb bis zu seiner Zwangsauflösung im Jahre 1934 eine länder-übergreifende Gemeinschaft von erwachsenen Männern und Frauen, die in den „Mitteilungen des Vereins der deutschredenden Blinden“ ihre Meinungen zum Leben und Wirken der Nichtsehenden äußerten. Die Zeitschrift stellte die gedankliche und organisatorische Verbindung zwischen den Mitgliedern dar. Die ersten Nummern, die im Wesentlichen Nathan verfasst hatte, wurden mit Hilfe der Punktschrifttafel vervielfältigt. Als erste Mitglieder des Vorstandes wurden J. Nathan (1. Geschäftsführer), C. Rittner (2. Geschäftsführer) und J. Gosch (Kassen-verwalter) gewählt.

Das unmittelbare Ziel des Vereins bestand darin, die Position des Kieler Blindenlehrers Christian Krohn (16.7.1852 - 3.6.1923) gegen seine sehenden Kollegen zu stärken. Krohn hatte nach englischem und französischem Beispiel eine Kurzschrift geschaffen, die die Besonderheiten der deutschen Sprache zur Grundlage der Kürzungen nahm. Diese Kurzschrift stieß jedoch bei der Mehrheit der Blindenlehrer auf Ablehnung, weil sie z.B. zu viele Abweichungen von der englischen Kurzschrift aufwies.

Die erwachsenen Blinden forderten nun unter der Führung von Nathan die Lehrer auf, sie in der Kurzschriftfrage als kompetent anzuerkennen, weil sie diejenigen sind, die die Kurzschrift täglich anwenden. Etwa 20 Jahre dauerte die Auseinandersetzung zwischen dem „Verein der deutschredenden Blinden“ und den Blindenpädagogen, bis auf dem Blindenlehrerkongress in Halle/Saale im Jahre 1904 die „Einheitskurzschrift“ beschlossen wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte Nathan bereits seine Funktionen im Verein niedergelegt. Er lehnte auch den getroffenen Kompromiss mit den Lehrern ab und benutzte unverändert bis zu seinem Tode die von Krohn vorgeschlagenen Kürzungen.

Doch in der Konstituierungsphase des Vereins, in der es um Inhalt und Ziel der deutschredenden Blinden ging, spielte die Kurzschriftfrage in Nathans Denken und Handeln nur noch eine Nebenrolle. Die von ihm moderierte und inspirierte Aussprache über die Satzung der deutschredenden Blinden formulierte drei Schwerpunktaufgaben des Vereins für das gesamte Blindenwesen:

- Schaffung eines geistigen Bandes unter den Blinden deutscher Zunge;

- Förderung der Erwerbstätigkeit der Blinden;

- Hebung und Förderung der Bildung der Blinden.

Und damit wurden Weg, Inhalt und Ziel der zukünftigen Blindenbewegung im deutschsprachigen Raum festgelegt.

Anhand der „Mitteilungen des Vereins der deutschredenden Blinden“ ist nachzuweisen, dass und wie Nathan mit der von ihm gewohnten Konsequenz diese Satzung umsetzte. Die „Mitteilungen“ popularisierten nicht nur den Zusammenschluss zu lokalen Blindenvereinen, sondern die deutschredenden Blinden förderten auch ent-schieden die „Blindentage“ von Dresden (1909) und von Braunschweig (1912). Der „Reichsdeutsche Blindenverband“ (RBV) und der „Schweizerische Blindenverband“ verdanken ihr Entstehen ganz wesentlich der Förderung durch den „Verein der deutschredenden Blinden“; von ihm gingen auch für die Blindenbewegung in Österreich starke Impulse aus. Ohne den theoretischen und organisatorischen Vorlauf, den der „Verein der deutschredenden Blinden“ geschaffen hatte, ist daher die moderne Blinden bewegung Deutschlands, Österreichs und der Schweiz nicht denkbar. Und hieran wiederum hat Johannes Nathan als Gründer und 1. Geschäftsführer einen über­ragenden Anteil. Wenn von Selbsthilfe, Emanzipation und Integration der Blinden gesprochen wird, muss sein Name mitgedacht werden.

Johannes Nathan legte sein Amt als 1. Geschäftsführer im Jahre 1898 nieder und trat später sogar aus, „da er durch Privatarbeiten zu sehr in Anspruch genommen und sich wohl auch mit manchen Bestrebungen und Strömungen, die sich in seiner Schöpfung zur Geltung zu bringen suchten, nicht in Einklang wusste“ (Mitteilungen 1915, Punktschrift-Seite 158). Einen Grund für seinen Rücktritt stellte die große Kompromissbereitschaft der Vereinsmehrheit gegenüber den Blindenlehrern dar. Nathan forderte dagegen, dass die erwachsenen Blinden ihre Probleme ohne Bevormundung durch die Pädagogen - in einzelnen Fragen sogar ohne ihre Mitsprache - lösen. Er war stolz und selbstbewusst und verlangte von den Blindenlehrern, die Leistungen ihrer ehemaligen Schüler voll anzuerkennen. Damit lehnte er auch die Figur des „Blindenvaters“ ab, als die sich die Direktoren der Anstalten häufig verstanden.

Nachdem Nathan während der acht Jahre zwischen 1890 und 1898 geradezu eine gigantische Arbeit zur Zusammenführung und Ausrichtung der deutsch-redenden Blinden geleistet hatte, zog er sich aus der ersten Reihe der Blindenbewegung vollständig zurück, nicht aber aus der ehrenamtlichen Tätigkeit für die Nichtsehenden. Mit ihnen blieb er auch weiterhin eng verbunden. Bis zu seinem Tode leistete er eine aufwändige Arbeit an der Basis. So gab er drei Jahre eine Musikzeitschrift heraus, engagierte sich bei der Beschaffung von Punktschriftliteratur, indem er aktiv half, die „Centralbibliothek für Blinde zu Hamburg“ ins Leben zu rufen und sie zu stärken. Johannes Nathan war auch Mitbegründer des „Blindenverein für Hamburg und Umgebung“ am 4. Januar 1909.

Nathan gehörte zu jenen Persönlichkeiten, die gewinnen, je näher man mit ihnen bekannt wird. „Wer ihn nur nach seinem äußeren herben Wesen beurteilte, tat ihm sehr unrecht. Unter der harten Schale verbarg sich ein überaus weicher Kern, das beweist seine rührende Liebe zu Kindern und das beweisen auch seine Märchen, die er geschrieben.“ So urteilt J. Reusch in dem bereits zitierten „Nachruf“ (Reusch, 72).

Von den Schriften Nathans, zu denen auch ein Drama gehört haben soll, ist bisher nichts aufgefunden worden.

J. Reusch, der selbst Organist war und Nathan persönlich gut kannte, schrieb: „Dass Nathan auf musikalischem Gebiet Hervorragendes leistete, ist bekannt. Er war kein Virtuose im landläufigen Sinne, er war ein geistvoller Künstler (…) Als Lehrer für Theorie genoss er in Hamburg großes Ansehen, und gar mancher hamburgische Organist, der bereits das Konservatorium absolviert hatte, kam zu N., um sich von ihm noch in besonderer Weise in das Wesen der Musiktheorie einführen zu lassen und seiner musikalischen Bildung den letzten Schliff zu geben“ (72 f.).

Erst in vorgerücktem Alter sah sich Johannes Nathan in der Lage, seine langjährige Betreuerin zu heiraten. Mit der festen Anstellung als Blindenlehrer ab 1919 erhielt er zum ersten Mal in seinem Leben eine sichere ökonomische Grundlage.

Am 28. März, dem zweiten Ostertag 1921, starb Johannes Nathan an einem Gehirnschlag. Mit ihm verschied eine der bedeutendsten und eigenwilligsten Persön-lichkeiten des deutschsprachigen Blindenwesens, die es verdient hat, der Vergessenheit entrissen zu werden.

Literatur

Jeschke, G.: Beiträge zur Geschichte der Blinden und Sehbehinderten in Hamburg. Hamburg 2003
Mitteilungen des Vereins der deutschredenden Blinden H. 5 (1915) PS 158
Reusch, J.: Nachruf. In: Die Blindenwelt 9 (1921) 5, 71 ff.


Quelle: 200 Jahre Blindenbildung in Deutschland(1806-2006),
edition Bentheim, 2006, Würzburg

  

  

Dieser Artikel wurde bereits 7990 mal angesehen.



.