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Wolfgang Stein

Dr. Hans-Eugen Schulze

Wolfgang Stein
1930-2000

Zum Gedenken


Am 28. Dezember 2000 ist im Alter von 70 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit Herr Wolfgang Stein aus Bensheim verstorben.

Der DVBS hatte ihn in seiner Mitgliederversammlung im Mai 1983 zum Ehrenmitglied ernannt (vgl. „horus“ 1983, Heft 3, S. 41 = Marburger Beiträge 1983, S. 489). Von 1979 bis 1993 war er auch Mitglied des Trägervereins der Deutschen Blindenstudienanstalt, von 1979 bis 1985 sogar Vorstandsmitglied.

Als Sohn einer Arbeiterfamilie im Ruhrgebiet, die auf seine frühe eigene Mitarbeit angewiesen war, hatte er es zunächst schwer, seinen großen Bildungshunger zu stillen. Auf sein Abitur konnte er sich, in einem Guss-Stahlwerk arbeitend, nur in Abendkursen vorbereiten. Umso größeren Respekt verdient sein Lebenswerk!

Nach einem Studium der Sozialpädagogik war er zunächst in sehr unterschiedlichen diakonischen Einrichtungen in Niedersachsen tätig. Dabei sind ihm seine Mitarbeit im CVJM und die Leitung einer „Studentengilde“, die er gründete, um junge Flüchtlinge aus der DDR zu integrieren, besonders wichtig geworden.

Nach gründlicher Vorbereitung leitete er von 1964 bis 1970 die Schule mit Heim der Hildesheimer Blindenmission in Hongkong.

Als er um der schulischen Zukunft seiner Kinder Willen nach Deutschland zurückkehren wollte, hatte die Christoffel-Blindenmission unter ihrem damaligen Leiter Pastor Siegfried Wiesinger eine Größe erreicht, die es ihr angebracht erscheinen ließ, für ihre Überseearbeit eine besondere Abteilung zu schaffen. Dieses Übersee-Ressort mit seinen späteren Zweigen für Bildung und Rehabilitation Behinderter einerseits und medizinischer Dienst andererseits hat Herr Stein von 1970 bis 1984 mit großer Umsicht und großem Engagement geleitet. Dazu musste er viel reisen, um im partnerschaftlichen Dialog mit Schulen, Trainingszentren, Augenkliniken und anderen Einrichtungen deren Arbeit für Blinde und Augenkranke, später auch für Gehörlose und Körperbehinderte zu fördern und die Mitarbeiter zu motivieren. Das hat er mit viel Sachverstand, Einfühlungsvermögen in die jeweiligen Verhältnisse und pädagogischem Geschick getan. Entsprechend stieg das Ansehen der CBM bei ihren Partnern und wuchs der Erfolg ihrer Arbeit kontinuierlich. Die Arbeit stellte aber auch höchste Anforderungen an Herrn Stein. Von 1984 bis 1989 war er Fachberater für Sehgeschädigtenpädagogik der Royal Commonwealth Society for the Blind, und er hat in seinem anschließenden Ruhestand im Auftrage dieser Gesellschaft, der CBM und anderer Organisationen noch häufig Fortbildungskurse für Sehgeschädigtenpädagogen, vor allem in Bulgarien und Rumänien, organisiert und durchgeführt.

Im Rahmen seiner Tätigkeit für die CBM hat Herr Stein vielbeachtete eigene Modelle und Programme für die Integration blinder Kinder in Schulen Sehender, für die Wiedereingliederung späterblindeter Opfer der Flussblindheit in ihre jeweilige Dorfgemeinschaft und für die Aus- und Weiterbildung von Fachpersonal aller Art in Ländern der Dritten Welt entwickelt, die Herstellung von Brillen und Augentropfen in solchen Ländern initiiert sowie die Ideen anderer mit Leben erfüllt. Das International Resource Directory des Internationalen Rates für die Bildung Sehgeschädigter (heute mit ICEVI abgekürzt) geht auf seine Initiative zurück. Die Hilfsmitteltasche, mit der die CBM noch heute weltweit blinde Schüler ausstattet, ist auf seine Veranlassung entwickelt worden.

Von 1977 bis 1987 war Herr Stein – mit der CBM im Rücken – der Präsident des ICEVI. Lawrence Campbell, der jetzige Präsident, schreibt darüber in seinem zur Veröffentlichung im „Educator“ und im „European Newsletter“ bestimmten Nachruf, Herr Stein habe der Organisation seinen Stempel aufgedrückt. Während seiner Amtszeit sei es ihm gelungen, ein Maß an Bewusstsein für die Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Menschen in Entwicklungsländern zu schaffen, das es vorher nicht gegeben habe. Durch seine Arbeit in der CBM und im ICEVI habe er seinen leidenschaftlichen Glauben an die Fähigkeiten blinder Kinder und Erwachsener in Entwicklungsländern auf Sehgeschädigtenpädagogen in der ganzen Welt übertragen. Wir dürften mit Stolz und Genugtuung auf die vielen Verbesserungen blicken, die seine unermüdliche Arbeit für die Lebensqualität blinder Kinder und Erwachsener in den am wenigsten entwickelten Ländern dieser Welt herbeigeführt habe.

Seine erste ICEVI-Konferenz – die siebte der Gesamtzählung – hatte Herr Stein im Jahre 1982 erstmals in einem Entwicklungsland Afrikas, Kenia, durchführen wollen, eine Idee, die von vielen Europäern enthusiastisch aufgenommen wurde. Leider fiel die Konferenz selbst einem Putschversuch der kenianischen Luftwaffe zum Opfer. Die Proceedings mit den geplanten Vorträgen sind dennoch veröffentlicht worden – aus dem deutschen Sprachraum mit Beiträgen von Boldt, Doris Fichtner (einer gleichfalls im vorigen Jahr verstorbenen CBM-Lehrerin), Hertlein, Schulze, Frau Zigo und Stein selbst. Wer in Nairobi dabei gewesen ist, wird trotz des Scheiterns der Konferenz als solcher die Gemeinschaft, die in den Hotels entstand, in denen wir praktisch Gefangene waren, nicht vergessen.

Herrn Steins zweite Weltkonferenz fand im Jahre 1987 in Würzburg statt. Sie war nach dem Urteil von Dr. Jeanne Kenmore, vor Herrn Stein die Präsidentin des ICEVI, „a huge success“.

Ich selbst durfte Herrn Stein seit der Zeit seiner Vorbereitung auf Hongkong in ständigem Gedankenaustausch begleiten. Ich hatte oft das Gefühl, als ob er auch stellvertretend für mich tätig sei, der ich aus beruflichen und sonstigen Gründen nicht wie er den Blinden der Welt hatte dienen können. Er hat tausenden Sehgeschädigten von Südamerika über Afrika und Asien bis hin zu den südpazifischen Inseln Bildung und damit Licht gebracht. Dessen wollen wir uns dankbar erinnern.


Anmerkung: Dr. Hans-Eugen Schulze ist Richter am BGH a. D. und ehrenamtlicher Fachberater der CBM.

  

  

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