Inhalt Rechts

Rechte optische Spalte

Sprachauswahl

Dritte Spalte

Inhalt Mitte

Breadcrump Menü

Sie sind hier:

Hauptinhalt

.

Dr. med. Annelie Fischer-Thunemeyer

Dr. med. Annelie Fischer-Thunemeyer
Jahrgang 1953

  


Meine Lehrzeit als Sehbehinderte

       

Mein dritter Lebensabschnitt ist eigentlich mein zweiter Lebensabschnitt. Mein dritter Lebensabschnitt, das heißt herausgehen aus dem Berufsleben und herein gehen in die Berentung, kam früher, kam auch etwas anders als erwartet. Mit dem Verschlechtern der Sehfähigkeit hatte ich in dieser Form nicht gerechnet.

Meine Berufsunfähigkeit kam für mich ganz plötzlich. Seit 15 Jahren wusste ich zwar, dass mein Sehvermögen ständig schlechter wurde und hatte in dieser Zeit diverse Augenoperationen hinter mich gebracht. Dass das bis zu diesem Zeitpunkt an sich bessere Auge eine zentrale Einblutung hatte und mir das zentrale Sehen nicht mehr möglich machte, wurde aber durch das andere Auge sehr gut kompensiert.

Trotzdem war es für mich überraschend, als ich während einer meiner üblichen Routineuntersuchungen erfuhr, dass ich vom folgenden Tag an nicht mehr arbeiten durfte. Schon Jahre zuvor wurde mir auf gleiche Art und Weise mitgeteilt, dass ich kein Auto mehr fahren durfte. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nach meiner Ausbildung als Chemielaborantin, dann Sozialarbeiterin und später mit dem Medizinstudium und der anschließenden Ausbildung zur Gynäkologin meinen Lieblingsberuf bekommen. Ich arbeitete bis zu diesem Zeitpunkt voller Freude in meinem Beruf.

Da ich wusste, dass meine Augen nicht die Besten waren, hatte ich insoweit Vorsorge getroffen, als ich nach den ersten größeren Problemen mit den Augen eine Kollegin in die Praxis genommen und nun keine großen Probleme hatte, die Praxis zu übergeben und mich finanziell auf die Berufsunfähigkeit einzustellen.

Die größere und schwierigere Umstellung war die Notwendigkeit, von heute auf morgen von dem geliebten Beruf und der mit ihm verbundenen Möglichkeit Abschied zu nehmen mit der Möglichkeit anderen Menschen zu helfen, es war der Verlust des Kontaktes mit anderen Menschen, mit vielen Menschen und auch die Gespräche mit vielen unterschiedlichen Menschen. Ich hatte an sehr hektischen Tagen mit bis zu 80 Personen Kontakt. Die Menschen waren sehr unterschiedlich. Dieser vielfältige persönliche Kontakt mit diesen unterschiedlichen Menschen hatte mir immer sehr viel Freude bereitet und dieser Verlust war für mich ein gravierender Einschnitt.

Gleichzeitig empfand ich mich mit meinen 49 Jahren nicht alt, schon gar nicht im Rentenalter, sondern empfand mich als mitten im Leben stehend. Bis zu dem Zeitpunkt der Berentung war es mir immer noch möglich, mein Sehdefizit mit Brillen auszugleichen.

Kurz nachdem ich dann nicht mehr arbeiten durfte, setzte eine weitere Verschlechterung der Augen ein, was dazu führte, dass das bis zu diesem Zeitpunkt bessere Auge erst zentral erblindete und im Laufe eines Jahres trotz mehrfacher Operationen vollständig erblindete und auf dem mir verbliebenen Auge, also mein als erstes erkranktes Auge ein peripherer Sehrest von weniger als 5% blieb. Wobei auf diesem Auge das zentrale Sehen auch seit nun 10 Jahren nicht mehr möglich war und eine periphere Gesichtsfeldseinschränkung besteht.

Somit kam jetzt zu meiner Berufsunfähigkeit auch noch die Situation dazu, dass ich ein völlig neues Leben mit Sehbehinderung lernen musste. Mit Sehhilfen wie Monokular und kontrastverstärkenden Gläsern zu lesen ist nicht mehr möglich. Ich kann nur noch einzelne Wörter buchstabieren und raten. Dies ist sehr mühevoll und hat das Tempo wie im ersten Schuljahr in den ersten Wochen. Gleichzeitig war Hausarbeit nicht mehr in üblicher gewohnter Weise möglich, auch am Straßenverkehr teilzunehmen, einzukaufen und Kontakt zu Freunden zu haben wurde zunehmend schwerer und erschien fast unmöglich. Das Kennenlernen neuer Menschen war mir zu diesem Zeitpunkt unmöglich gewesen, da ich mit dem fehlenden Blickkontakt nicht umgehen konnte und mich isoliert fühlte. Diesen Umstand der Sehbehinderung habe ich als einen größeren Einschnitt empfunden, als den Gang in die plötzliche Berufsunfähigkeit. Diese wurde abgelöst durch die Notwendigkeit, ein neues Leben zu lernen. Mir erscheint es, als müsse ich autodidaktisch einen neuen Beruf lernen. Hierzu zähle ich auch das Umgehen mit Hilfsmitten. So wie es Berufe gibt, die als Grundlage eine Lehre haben und man dann mit einem Studium einen Aufbau machen kann, ist es auch der Umgang mit der Behinderung. Erschwert wird die Situation allerdings dadurch, dass man als berentete Person keine staatliche Unterstützung und bei privater Krankenversicherung weder praktische noch finanzielle Hilfen bekommt und man, neben der Eigeninitiative zum autodidaktischen Lernen, auch noch die Kosten für Ausbildung und Hilfsmittel hat. Besonders große Qual ist es, gerade zu Beginn, wenn man sich damit auseinandersetzen muss, nicht mehr so wie früher sehen zu können, nun auch noch allein herausfinden zu müssen, wie man sich als ein sehbehinderter Mensch im Alltag zurechtfinden muss. Denn es geht nichts mehr so wie früher und probiert man es wie früher, kann man sich oder andere verletzen und in Gefahr bringen. Herauszufinden, wie man ein Blindenstock benutzt, herauszufinden, wo man welche Hilfen bekommt, um nicht alles autodidaktisch zu lernen und somit auch die typischen Fehler der Autodidakten zu machen. Auch hier braucht man Glück, z.B. eine gute Beratungsstelle oder auch wieder viel Eigeninitiative, da es nicht überall entsprechend gute Stellen gibt. Wobei die guten Stellen gute Beratung machen, aber das Entscheidende, nämlich das Lernen, den Umgang mit den Hilfsmitteln und das neue Verhalten muss man in mühevoller Kleinarbeit selbst lernen. Auch ein großes Problem war sich im Verkehr zurechtzufinden und weder sich noch andere in Gefahr zu bringen. Es bestand die Angst überfahren zu werden, zumal ich es praktisch erlebte, dass eine Straßenbahn an einem verkehrsreichen Platz unmittelbar hinter mir herfuhr, ohne dass ich sie gesehen oder gehört hätte. Die Alternative wäre neben der Aufgabe des Berufs auch noch die Aufgabe der Mobilität gewesen und damit der soziale Rückzug. Gleichzeitig musste ich auch neu lernen, mit anderen Menschen umzugehen. Der fehlende Blickkontakt ist hier ein großes Problem. Jahrzehntelang war ich es gewohnt, im ersten auf die Mimik des Gegenübers zu achten und so ein Feedback zu bekommen. Dieses bekannte Feedback bestand nun nicht mehr. Dafür gab es aber eine zusätzliche Erschwernis. Durch die veränderte Augenstellung bei dem eigenen Versuch, doch noch etwas vom Gesicht des Gegenübers zu erhaschen, war die eigene Augenstellung so, dass das Gegenüber sich nicht angeschaut fühlte und dachte, man schaue irgendwo hin, nur ihn nicht an und war zumindest irritiert, wenn nicht sogar verletzt oder verärgert. Somit musste und muss ich mich auf andere Botschaften meines Gegenüber einstellen und es lernen, diese Botschaften wahrzunehmen. Gleichzeitig musste ich lernen, dass vieles nicht mehr geht. Also neben dem Beruf ein weiterer konkreter Verlust. Das Sehen einer Ballet- oder Theatervorführung. Das Einkaufen im Supermarkt wird zu einem Ratespiel und als Person, die immer anderen gern geholfen hat, ist man nun darauf angewiesen, das einem Andere helfen - also ein Rollentausch. Wobei es hier auch passiert, dass einem sehr freundlich und hilfsbereit geholfen wird, dass man dann aber zu Hause feststellt, dass man doch etwas anderes bekommen hat, als man haben wollte.

Eine weitere große Herausforderung ist das Lesen von Büchern, gerade das, was man gern gemacht hat. Wenn man ein Leben lang gelesen hat und speziell gern wissenschaftliche Beiträge gelesen hat. Es ist der Mangel, nicht einfach in kurzer Zeit ein Buch oder eine Zeitschrift in die Hand zu nehmen, kurz nachzuschauen, weiter zu diskutieren. Intensive Recherche in Büchern treiben dauert nun unendlich lange.

Das Lernen der Blindenschrift ist ebenfalls eine große Herausforderung, die viel Fleiß und Übung bedarf. Auch das Einarbeiten in die neuen Technologien, inklusive des "blind-tippen-Lernens" braucht sehr viel Zeit. Darüber hinaus ist es fast eine körperliche Qual, speziell wenn man Bücher mag, diese so zu knicken, dass man sie mit dem Lesegerät oder Scanner lesen kann. Das Vorlesen dauert so lange mit einer Stimme, an die man sich erst gewöhnen muss, also gilt es die Brailleschrift zu lernen, um die eigenen Gedanken während des Lesens ungestört zu entwickeln. Es ist schwierig, sich damit abzufinden, dass nun alles, auch das Neulernen, so unendlich viel länger dauert als früher.

Nun, erst fast drei Jahre nach dem plötzlichen Ausscheiden aus dem Beruf und dem in Grundlagen gelernten Leben der auf einem Auge blinden hochgradig Sehbehinderten, kann ich mich auf mein Frührentnerleben einlassen und es gestalten. Erst jetzt, nach dem Erlernen meines neuen Berufes, also nach dem Erlernen meiner neuen Normalität, kann ich mich wieder entspannen und wohl fühlen. Natürlich ist mir bewusst, dass der Lernprozess nie aufhört. Einmal, weil ich nicht weiß, wie und in welchem Tempo sich meine Augenerkrankung entwickelt und wie und in welchem Tempo die Hilfsmittel, die mir helfen, entwickelt werden und natürlich das Lernen durch die aktive Teilhabe an der sich entwickelnden Welt.

Durch dieses neue Erleben der Welt durch die hochgradige Sehbehinderung haben sich bei mir auch wieder neue Interessen gebildet. Auch dieses neue Leben ist spannend und interessant und zeigt mir nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch neue Herangehensweisen an alte Probleme. Gleichzeitig hat sich mir eine neue Welt eröffnet, in der ich nun dabei bin, auf meine alte, mir gewohnte Weise ein aktives Leben zu gestalten. Dieser für mich zweite Lebensabschnitt gibt mir die Möglichkeit, mich im Blindenwesen zu engagieren und auch anderes auszuprobieren. Außerdem kann ich als Seniorenstudentin an der Universität neue Dinge hören und auch gleichzeitig lernen, als hochgradig Sehbehinderte auch ohne Blickkontakt zu kommunizieren.

Da mein Bedürfnis nach Normalität fast befriedigt ist, kann ich mich auf viel Neues einlassen.

Zwar sind die Art und Weise, wie ich, um nicht zu kleckern, mit Messer und Gabel esse und wie ich Brot schneide, anders als früher. Auch brauche ich heute sehr viel mehr Zeit zum Lesen oder um mir mittels technischer Hilfsmittel vorlesen zu lassen. Trotzdem bin ich auch in meinem neuen Lebensabschnitt grundsätzlich die alte Person geblieben.

Ich habe nun die Möglichkeit, neue Dinge unter neuen Bedingungen auszuprobieren und sie zu intensivieren oder auch wieder zu verlassen, ich kann neue Verantwortungen übernehmen und somit auf früher nie gedachte Weise mein positives Selbstwertgefühl aufrechterhalten. Durch das Engagement im Blindenwesen und die entsprechende politische Arbeit im öffentlichen Raum kann ich auch hier wieder helfend tätig werden, denn diese Arbeit kommt auch anderen Sehbehinderten und Blinden zu Gute.

Dieser zweite oder dritte Lebensabschnitt zeigt nach einer Eingewöhnungszeit von drei Jahren eine positive, alt bekannte optimistische Haltung, die durch das Lernen, den Verlust des geliebten Berufes und die gesundheitlichen Veränderungen nicht verloren gegangen ist. Natürlich hat es auch Phasen gegeben, in denen ich nicht so optimistisch war, sondern eher traurig. Nach vielen "Ups and Downs" und einigem Ausprobieren habe ich mich nun mit meinem dritten Lebensabschnitt, den ich eher als meinen zweiten Lebensabschnitt sehe, sehr gut arrangiert.

Ich glaube schon, dass ich mich so wie viele andere Menschen verhalte, die in den dritten Lebensabschnitt kommen. Ich habe mir die Fragen gestellt: Was sind meine Hobbies? Was wollte ich immer schon mal machen - was könnte ich davon noch machen? Was würde heute noch gehen, was demnächst vielleicht nicht mehr geht? Welche alten Verhaltensweisen oder Tätigkeiten könnte ich ausweiten? Wie befriedige ich mein Bedürfnis nach Wissen? Wie gestalte ich meine persönlichen Beziehungen zur Familie und zu Freunden? Wie gestalte ich meine ehrenamtliche Tätigkeit und meine Neigungen, dass sie mir die gleiche Erfüllung geben wie mein Berufsleben? Natürlich alles unter dem Aspekt der hochgradigen Sehbehinderung und dem Wissen, dass das Leben immer im Fluss ist und sich immer neue Aspekte zeigen und ergeben.

Somit habe ich für mich einen friedvollen, glücklichen Weg im dritten Lebensabschnitt, der für mich durch die Sehbehinderung eher ein zweiter Lebensabschnitt ist, gefunden.

  

  

Dieser Artikel wurde bereits 7380 mal angesehen.



.