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Manfred Vogel

Wolfgang Drave

Manfred Vogel
1927-2005

"Du bist der Einzige, der den klaren Blick hat"


 

Vorbemerkung

M anfred Vogel ist ein blinder Mensch, der mit seiner Lebensgeschichte auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts in seinen unterschiedlichen Facetten abbildet. Manfred Vogel ist in der Zeit der Weimarer Republik geboren, hat das sog. „Dritte Reich“ v.a. als Schüler einer Blindenschule erlebt, ist in der DDR beruflich erfolgreich gewesen und hat seine Pensionszeit im wiedervereinigten Deutschland gelebt.

Die Autobiographie des Manfred Vogel entstand 1995 durch Interviews mit ihm in Limbach.

Die hier vorliegende Version ist eine Zusammen-fassung und Bearbeitung der Interviews und wurde in dem Buch von Wolfgang Drave „Hier riechts nach Mozart und nach Tosca. Blinde Menschen erzählen ihr Leben“ (edition bentheim Würzburg 1996) erstmals veröffentlicht.

Sein Lebenslauf

geb. 4.3.1927 in Limbach/Sachsen, keine Geschwister

erblindet mit 1 ½ Jahren

1934 - 1941 Besuch der Blindenschule Chemnitz

1941 - 1944 Ausbildung zum Stenotypisten an der Blindenanstalt Chemnitz

ab 1946 erst als Stenotypist, später als Kriminalobermeister bei der Polizei Karl-Marx-Stadt/Chemnitz beschäftigt

1952 Heirat, zwei Töchter, 1968 Scheidung

1970 Heirat, ein Sohn

1992 Pensionierung

gestorben am 1.7.2005

Geboren bin ich am 4. März 1927 in Limbach, Sachsen. Ich habe die Kindheit hier verlebt, bin im Alter von 1 ½ Jahren an Konjunktivaldiphterie erkrankt und dadurch auch erblindet. Meine Eltern waren Arbeiter; meine Mutter Näherin, mein Vater war, als ich geboren wurde, Schleifer in der Firma Julius Köhler. Wir haben in einer einfachen Wohnung in einem Mietshaus hier in Limbach gelebt.

1927, als ich geboren worden bin, war die Zeit, wo es viel Kurzarbeit gab. Ich war das einzige Kind. 1933, als ich eigentlich hätte eingeschult werden müssen, wurde ich noch nicht eingeschult. Da gab’s Fragen nach dem Schulgeld, und ich hab als Kind mitgekriegt, dass sich meine Mutter auch gesträubt hat, den einzigen Sohn außer Haus zu geben. Ich glaube nicht, dass meine gute Mama begeistert war, mich ins Internat zu schicken. Ich bin dann erst mit 1 ½-jähriger Verspätung dort ange­kommen, und das ist mir sehr zum Nachteil geworden.

"Du wärst ja nicht blind, wenn du nicht dran glauben würdest"

D er Faktor der Erblindung hat für mich eigentlich keine wesentliche Rolle gespielt. Ich kann mich an die Zeit des Sehens bis zu 1 ½ Jahren nicht erinnern, so dass ich das Leben nur als Blinder kenne. Ich muss eine Einschränkung machen, ich habe eine Farbwahr­nehmung. Ich kann Ihnen also sagen, was rot ist, was grün ist, aber damit bin ich ja auch groß geworden, das habe ich eben einfach als Blinder erlernt. So etwas wie Bilder existieren nicht. Wenn dort, wo sie sitzen, eine Litfaßsäule sitzen würde, würde ich auch sagen, es ist ein Schatten.

Die Wohnung, in der ich aufgewachsen bin, war eine Dachwohnung. Wir hatten eine Stube, eine Schlafstube und ein Zimmer, was wir Abstellraum nannten.

Das Wort „blind“ war für mich eine Selbstverständlichkeit. Für meine Eltern, speziell für meine Mutter, war das tabu. Wenn da jemand sagte: „Na, Ihr Sohn sieht wohl nichts“, oder so, da hat meine Mutter nicht geant wortet, sie hat das völlig ignoriert, den Gedanken völlig von sich gewiesen.

Damals gab es eine religiöse Vereinigung, Christians Science. Dort gab’s Bücher, die nannte man „Herold“. Da waren Gleichnisse dabei, wie Propheten mit einfacher Glaubenstheorie Krankheiten vertrieben haben. In Limbach gab’s in einer Gaststätte einen Raum, wo die Gottesdienste abgehalten haben, mit Gesang und mit Predigt. Meine Eltern sind durch eine Frau drauf hingewiesen worden, die hat zu meiner Mutter gesagt: „Wenn sonst nichts geholfen hat, dann müssen Sie doch diese Chance nützen.“

Meine Mutter ist mit mir zu vielen Augenärzten gegangen, nicht nur zu einem Augenarzt. Eine Weile ist sie mit mir nach Grünau zu einem Homöopathen gegangen, und nachdem ihr nun alle gesagt haben, dass sich an der Blindheit nichts mehr verändern lässt, dass also die medizinische Wissenschaft am Ende ist, ist diese Vereinigung für sie wahrscheinlich so etwas wie ein letz­ter Strohhalm gewesen, an den sie sich geklammert hat. Es ging soweit, dass sie mir manchmal sogar Vorwürfe gemacht hat: „Du wärst ja nicht blind, wenn du nicht dran glauben würdest.“ Das Sehen hat bei mir schon als Kind gar keine Rolle gespielt, aber wenn ich das allzu deutlich gemacht hätte, hätte das zu Differenzen mit meinen Eltern geführt, und das habe ich mir erspart.

Bei dem Homöopathen in Grüna hab ich mehr im Wartezimmer als in der Behandlung verbracht. Der hat mir ein Wässerchen verschrieben, alles Naturheilproduk­te, die ich zum Teil trinken musste, zum Teil wurden die in die Augen geträufelt. Das hat aber überhaupt keine positiven Ergebnisse gehabt. Dass ich blind war, das hat meine Mutter bis zum letzten Tag nicht angenommen.

Im Hinterhof haben wir Fußball gespielt. Ich bin mit den anderen Kindern einkaufen gegangen. So, wie ich gewohnt war, als Blinder mit den Sehenden umzugehen, waren die auch daran gewöhnt, mit mir als Blinden umzugehen. Als wir Fußball gespielt haben, haben die für mich die Bälle gefangen und sie mir auch mal in die Hand gegeben. Da gab’s ja keine strengen Regeln.

Bei den Großeltern hat meine Mutter immer dafür gesorgt, dass nicht über mich geredet wurde. Ich kann mich an ein Gespräch mit meiner Großmutter erinnern, die glaubte, mit mir alleine zu sein: „Nu Manfred, sei doch mal ehrlich. Du siehst doch nichts, deine Mutter sagt immer zu mir, du siehst alles. Aber in Wirklichkeit ­siehst du doch nichts.“ Da ist meine Mutter dazugekommen. Da sind wir sofort abgereist. Das Gespräch, das meine Oma anknüpfen wollte, um mal der Tatsache auf den Grund zu gehen, war der Grund für meine Mutter zu sagen: „Schluss. Koffer packen“, und weg waren wir.

Wir fühlten uns schon durch die Schwach-sinnigen verunsichert und belästigt

H err S., der stellvertretende Direktor der Blindenschule in Chemnitz, kam in unsere Wohnung. Ich war ordnungsgemäß der Schulbehörde gemeldet, weil ich ja zur Schulaufnahme gegangen war und, heute würden wir sagen, „ausgemustert“ wurde.

Am 27. August 1934 war der erste Schultag. Da fehlten mir das erste Schuljahr und teilweise das zweite Schuljahr. Das erste und zweite Schuljahr wurden zusammen beschult. Ich habe also mit erheblichem Rückstand Nachholunterricht erhalten von den intelligentesten Kameraden in der Klasse. Ich habe eine Fibel gekriegt, die haben sie mir in aller Hast und Eile erklärt, was das nun für Buchstaben sind. Und ich musste das alles mit einem Male verarbeiten.

Die Blindenschule hieß damals Landesblindenanstalt Sachsen für Schwachsinnige und Blinde. Da waren, wie der Name sagt, auch Schwachsinnige. Da hat man immer von Seiten der Blinden dagegen angekämpft. Es hieß deshalb Anstalt für Schwachsinnige und Blinde, weil die Zahl der Schwachsinnigen größer war. Wir hatten etwa 360 schwachsinnige Kinder und an die 230 Blinde. Diese Schwachsinnigen hatten einen eigenen Direktor, eine eigene Lehrerbesatzung, und waren auch in eigenen Häusern. Das ist ja ein Objekt von 40 Häusern. Es war für damalige Verhältnisse, 1905, sehr großzügig angelegt worden. Haus 2 war die Blindenschule. Da war hinten dran eine kleine Kapelle angebaut. Dann kam das Haus 3, die Mädchenschule für Schwachsinnige. Dann kam man zum Haus 4, der Turnhalle. Die Turnhalle wurde zu unterschiedlichen Zeiten von Blinden und Schwachsinni­gen genutzt. Dann gingen die Wege weiter nach oben zu Haus 5, damals die Knabenschule für Schwachsinnige.

Die Schwachsinnigen dort sind auf nicht allzu schöne Art und Weise während der Nazizeit in Omnibussen zur Beseitigung gefahren worden. Die sind ausgerottet wor­den, muss man sagen. Da kamen Omnibusse; ein Kraft­fahrer, Paul Z., der hat zu den Schwachsinnigen gesagt: „Soll ich euch gleich einen Strick mitgeben, damit ihr nicht erst in die Gaskammer fahren müsst, da können wir das Gas sparen“, so in dieser Art und Weise. Das wussten auch die, die dort hingefahren wurden. Das sieht man aus heutiger Sicht sicherlich anders als als Kind. Wir haben gesagt, die Blöden und so, ich würde nicht sagen, dass wir sehr viel Bedauern mit den Schwachsin-nigen aufgebracht haben. Das Bildungsniveau ist also ganz bescheiden gewesen. Da gab’s wirklich eine Trennung, und unsere Lehrer haben auch drauf gesehen. Es gab bei diesen Schwachsinnigen auch manchmal aggressive Kinder, die manchmal den ganzen Tag mit Schreikrämpfen belastet waren. Wir fühlten uns schon durch die Schwachsinnigen verunsichert und belästigt. Unsere Lehrer haben ganz streng darauf gesehen, dass wir mit denen überhaupt nicht irgendwie ins Geschäft kamen oder uns irgendwie eingelassen haben.

"Missgebildet, weg, der braucht keine Nachkommen zu haben"

E s gab dann die Zeit der Sterilisation, da sind viele in meinem Alter und auch noch Ältere davon betroffen gewesen. Es wurde nach bestimmten Gesichtspunkten aussortiert. Die Sterilisation trat auf alle Fälle immer ein, wenn Geschwisterpaare in der Blindenanstalt waren. Dann war es ja offensichtlich, dass Erbfaktoren eine Rolle spielten.

Es gab ja auch ein Gesetz, das Euthanasiegesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Immer, wenn’s mit den Eltern Diskussionen gegeben hat, hat man sich auf das Gesetz stützen können. Aber zum Beispiel hatten wir vom Blinden- und Sehbehindertenverband unseren lang­jährigen Sekretär, der Rolf H., der war von Sterilisation betroffen, ein hochintelligenter Mensch.

Da gab’s gleich mal eine Ohrfeige

I ch habe in der Schule sehr viel gelernt. Mein strengster Lehrer in der Schule, der selber Blinder war, war der Kurt N. Da gab’s gleich mal eine Ohrfeige oder mit dem Rohrstock mal zehn Stück pro Tag. Aber dort gab’s den Grundsatz – Sie müssen sich überlegen, meine Schul­zeit lief genau von 1934 bis 41 – „Gelobt sei, was hart macht“. Der hat dadurch, dass er selber blind war, ein sehr gutes Einfühlungsvermögen und eine ganz klassisch gute Unterrichtsmethode gehabt.

Da gab’s ja die Zwangsteilnahme an der Hitlerjugend. Aus dieser war ich aus Disziplinschwierigkeiten ausge­schlossen worden. Da fehlte auf meinem Entlassungs­zeugnis aus der Schule der berühmte Schlusssatz, der bei allen draufstand: „Er hat in der Hitlerjugend seinen Pflichten Genüge getan.“ Da hat mein Direktor Ritter, dieser damals auch uralte Faschist, gesagt: „Du wirst bei der Arbeitsbeschaffung Schwierigkeiten haben“. Da habe ich gesagt: „Ich glaube nicht dran, dass ich Schwierig­keiten haben werde.“ Und grade mein Lehrer N., der hat gesagt: „Manfred, du machst deinen Weg, da bin ich ganz überzeugt davon, du kannst auf dieses Zeugnis ganz und gar verzichten.“

Das war ein einziges Gestürze

I n dieser Hitlerjugend gab’s vorschriftsmäßiges Exer­zieren. Wir haben sogar eine eigene Uniform, eigenes Koppel und Schulterriemen gehabt. Rennen und in drei Gliedern aufschließen, dann zu einem Glied und wieder zu drei Gliedern zusammen, das war ein einziges Gestür­ze. Geländespiele haben wir im Wald gemacht. Das war alles ein bisschen primitiv.

Der Scharführer, übrigens auch ein Blinder, Richard K. lief nebenher. Der war damals Mitglied der Geheimen Staatspolizei. Die Mittelreihe musste ihren Schritt bei-behalten, das ging aus den Kommandos hervor, die linke Reihe musste ihren Schritt ums Halbe verkürzen, die rechte Reihe musste ihren Schritt aufs Halbe verdoppeln, und schon ergab sich eine ganze Reihe. Wenn wieder Gliederformation geschaffen werden sollte, dann musste die linke Seite ihren Schritt verdoppeln und die rechte Seite ihren Schritt verkürzen und dann waren wir wieder schön zu dritt alle zusammen. Die hatten aber die Idee, es den Sehenden möglichst gleichzutun, das war eine Art der Gleichberechtigung. Was Sehende können, das müssen Blinde auch können. Bei diesem Exerzieren waren in der Mittelreihe, die also immer ihren Schritt beibehalten konnte, in aller Regel Sehschwache, die dann dafür gesorgt haben, dass jeweils ihr Nebenmann links nach hinten oder rechts nach vorne ging, und dass so wieder Ordnung in den Haufen kam.

Wir Blinde selber hatten eine Abwehrstellung gegen die Sehschwachen. Die galten als was Besseres. Die Sehschwa­chen hatten es schwer, mit uns umzugehen. Bis auf die Tat­sache, dass wir dann auch gemerkt haben, der Sehschwache kann in dieser und jener Situation ganz gut helfen.

Unter den Kindern im Internat war’s für jeden Neuen schrecklich. Die anderen hielten schon zusammen, der Neue wurde immer schikaniert. Da mussten gewisse Mutproben unternommen werden, zum Beispiel aufs äußere Fensterbrett sich zu setzen. Wenn der dann im Kollektiv anerkannt war, konnte der die Nächsten wieder ärgern.

Ich musste vorlesen aus "Mein Kampf" von Hitler

I mmer am 24. Juni gab’s das so genannte Olsufiefffest. Olsufieff, das war ein russischer Großherzog alten Adels, der eine Stiftung für Blinde in Dresden hinter-lassen hatte. Auf Grund dieser Stiftung sind Anschaf­fungen für Blinde getätigt worden. Diese Stiftung muss sehr hoch gewesen sein, die der alte Olsufieff gemacht hat. Von den Zinsen, so wurde uns das erklärt, haben wir immer jedes Jahr ein Fest für die Blinden gemacht. Später durfte der Name Olsufieff nicht mehr erwähnt werden, und dann nannte man das „Hohe-Licht-Fest“. Das wurde so ähnlich wie die germanische Sonnenwende begangen. Es wurden Holzfeuer errichtet. Ich musste dort jedes Jahr den Text vom Deutschlandlied sprechen, und in der Turnhalle wurde das so genann­te Kaiserquartett von Haydn, also die Melodie vom Deutschlandlied, abgespielt. Ich musste in sehr getra-genem, langsamem Rhythmus das Deutschlandlied deklamieren. Ich musste unmittelbar neben diesem Holzfeuer stehen, das war sehr heiß, das qualmte ganz entsetzlich. Wenn die Augen tränten, war’s nicht einfach, alles gut hinzukriegen.

Der Innenminister Dr. Frick von der seinerzeitigen Regierung war mal da. Ich musste also vorlesen, grund­sätzlich nur aus „Mein Kampf“ von Hitler. Da haben die dann einem völlig fremden Menschen, wie eben dem Minister Frick, in der Ausstellung „Mein Kampf“ gezeigt. Der musste eine willkürliche Seite aufschlagen und ich musste vorlesen, damit bewiesen wurde, dass ich das nicht aus dem Kopf gelernt hätte. Da waren die dann immer alle ganz begeistert und ganz stolz.

Dieses Krabbeln unter den Fingern war mir verhasst. Da hatten meine Lehrer eine schöne Methode erfunden. Die besten Schüler der damaligen Klasse mussten mir Nachhilfestunden geben. Die kriegten Wurstkeile, das waren so längliche Streifen, und immer, wenn ich was falsch gelesen hatte, konnten die damit schön, so zack, über die Fingerspitzen. Da habe ich dann auch mal nächtelang geheult und mir gesagt, es wird dir hier nichts übrig bleiben, du musst die Krabbelschrift erlernen. Es gab keine andere Lösung.

Zum Kriegsbeginn wurden wir in die Aula, wir nann­ten es damals Singesaal, im Haus 2 gerufen. Da wurde uns erstmal „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“ auf dem Grammophon gespielt. Dann wurde uns mitgeteilt, dass der Krieg ausgebrochen ist gegen Polen, weil eben polnische Freischärler Deutschland überfallen hätten. Und dass der Krieg auch nicht lange dauern würde, dann wären die Deutschen siegreich.

Es stand fest, dass ich Stenotypist werden sollte, dass ich mich der Schreibmaschine widmen würde. Doch der gesamte Jahrgang musste in die Korbmacherei zum Rohrstuhlflechten gehen, um den Wert der handwerk­lichen Arbeit schätzen zu lernen. Das war für mich ein verlorenes Jahr. Denn ich wusste ja, dass ich nie Korb-macher werden würde und wollte.

"LSR, das heißt jetzt nicht mehr Luftschutz­raum, das heißt Lern schnell Russisch"

J etzt kam wieder eine böse Zeit für mich, denn ich hatte die Prüfung mit Note Eins in der Tasche, was wollt ich denn nun eigentlich machen? Da haben sie mich sehr viel bei der Beschulung von Kriegsblinden eingesetzt, da musste ich denen Lesen lernen. 1943 hatten wir schon eine ganze Anzahl. Genau am 1.6.1944 bin ich dann aus der Anstalt nach Hause entlassen worden. Ich hab in der Firma Julius Köhler, wo mein Vater als Abteilungsleiter arbeitete, gefragt. Die waren einverstanden, mich als Stenotypist einzustellen. Der dortige Chef Max Köhler hatte mit mir große Pläne: „Der Krieg geht vorbei und dann liegen meine Interessen in England und Amerika.“ Wir hatten ja in der Blindenschule Englisch gelernt: „Dein Englisch in der Schule nützt dir überhaupt nichts, du musst einen Lehrgang für kaufmännisches Englisch beginnen. Da kannst du dich bei mir zum Auslands-korrespondenten entwickeln.“ Das leuchtete mir ein, und ich hab auch sofort einen Englischkurs begonnen. Als dann 1945 der Krieg zu Ende war und die Firma demontiert wurde, hatte ich meine Stenomaschine aus dem Luftschutzraum zu holen. Da hat der Pförtner zu mir gesagt: „Du mit deinem Englisch, das wird dir nichts mehr nützen. LSR, das heißt jetzt nicht mehr Luftschutz­raum, das heißt „Lern schnell Russisch.“

"Du musst bei der Polizei anfangen"

D ann war ich erstmal, wie jeder deutsche Bürger, arbeitslos. Ich hab zu Hause gewohnt. Der Betrieb von meinem Vater war völlig aufgelöst worden. Nun gab’s in Chemnitz auf dem Arbeitsamt einen Behinderten-Arbeitsvermittler, selber ein hochgradig Sehgeschädigter, Ewald V. Der tauchte eines schönen Tages bei mir in Limbach auf und sagte: „Manfred, ich brauch dich, du musst bei der Polizei anfangen.“ Ich sollte als Stenotypist dort anfangen. Als damals 18-jähriger hatte ich davon eine tolle Vorstellung, Polizei, das war irgendwie was ganz Phantastisches. Dann habe ich dort angefangen, drei Monate auf Probe. Ich war bei der Verwaltungs-polizei als Stenotypist.

Als meine Probezeit aus war, haben die gesagt, ich hätte dies alles fein geschrieben, meine ganzen Straf­zettel, sie wären mit mir sehr zufrieden. „Aber ich bin damit absolut nicht zufrieden, also ewig bei dieser Zettelschreiberei bleib ich hier nicht.“ Da bin ich dann in den Stand eines Kriminalanwärters erhoben und von der Kriminalpolizei übernommen worden. Aus Kriminal-anwärter wurde ein Kriminalunterwachtmeister, später ein Wachtmeister, später ein Oberwachtmeister, später ein Kriminalmeister.

Die gesamte Nazipolizei wurde bis auf eine einzige Ausnahme abgelöst. Alle anderen waren Menschen, die von der Werkbank kamen. Viele kamen aus den Konzen­trationslagern. Da waren vielleicht ein, zwei Buchhalter, aber ansonsten war der Erzfeind von den Menschen die Schreibmaschine. Einer nach dem anderen ist zu mir gekommen und hat gesagt: „Mensch, du schreibst wie der Teufel, ich sitz hier drei Tage dran. Könnste mir denn nicht mal ...“ Ich sage: „Gut, komm her.“ Nun entwickelte sich das immer mehr dazu, dass ich selber Vorgänge kriegte, und wenn ich dann mal zu so einem leidgeprüften Menschen hingegangen bin und gesagt hab: „Kannst du das mal vorlesen?“, dann hätte keiner gewagt, nein zu sagen. So ist das eine Entwicklung gewesen, die nicht polizeischulisch bedingt war. Ich war kein Pistolenträger, aber eine Pistole war auf mich ein­geschrieben. Im Unterricht musste ich die auseinander­nehmen, zusammensetzen, laden, entsichern. Nur zum Schießen musste ich nicht mitgehen.

Die Abteilung hieß "Leben, Ehre und Gesundheit"

V om 1. Januar 1954 an bin ich dann sesshaft geworden in der Abteilung, die hieß „Leben, Ehre und Gesund­heit“. Alle Delikte, die sich gegen das Leben an sich rich­teten, bis zum Mord. Gesundheit, das waren Körperver­letzung und solche Dinge, Ehre, das haben sie deswegen hineingemischt, weil da auch tätliche Beleidigungen und sonstige Beleidigungen mit bearbeitet wurden.

Ich bin vor allen Dingen in der Truppe geblieben, die sich mit tödlichen Betriebsunfällen, Selbstmord und anderen Unfällen oder auch fahrlässiger Tötung befasste. Wenn ein Diebstahl bearbeitet wird und es wird immer wieder an der gleichen Stelle gestohlen, dann muss der Kriminalist sich mal auf die Socken machen, muss gucken, muss observieren, muss schauen, was sich da tut. Bei dieser Abteilung, die sich mit Tötungsdelikten beschäftigte, da bin ich dann immer mit zum Ereignisort gefahren.

Da gibt’s erstmal die riesen Tatortbefundsberichte zu schreiben. Bei einem Mord zum Beispiel: Wir haben immer gesagt, ein Fliegendreck auf der Zeitung kann wichtig sein. Dort muss die gesamte Wohnungseinrich­tung beschrieben werden. Und die Abschlussberichte beim Staatsanwalt, die dann begründen müssen, liegt ein Verbrechen vor oder liegt kein Verbrechen vor, was eben dann zur Anklageerhebung geführt hat. Ich bin viel mit dem Funkwagen mitgefahren, wenn irgendwo Einsätze waren.

Ressentiments gab’s eigentlich bei jedem neuen Abteilungsleiter. Meine persönlichen Mitarbeiter wussten ja, was geht und was nicht geht. Es gab auch Abteilungs­leiter, mit denen ich in eine Kontrastellung geraten bin. Mit der Zeit haben die dann das begriffen und eingese­hen, dass das geht.

Das hat sich 1990 fortgesetzt. Da hatten wir den ersten Amtsleiter, Heinz M. aus Hof in Bayern. Den Berufszweig „blinder Kriminalist“ gibt’s in den ganzen Altbundes­ländern überhaupt nicht. Der hat sich einen personellen Überblick verschaffen müssen. Nun haben die mich ja auch nicht verschweigen können, und da hat er gesagt: „Des is a interessanter Mo.“ Da ist er dann mal zu mir an den Arbeitsplatz gekommen, hat sich meine Hilfs-mittelgeräte zeigen lassen. Da hat er gefragt, was ich hier mache und hat gesagt: „Na, warum denn nicht.“ Am meisten hat man eigentlich den Umgang des blinden mit dem sehenden Menschen angezweifelt, denn es war ja logisch, dass ich ständig mit normalen Men­schen umgehen musste. Bei manchen kann das schon sehr darauf ankommen, ob der schon Umgang mit Blinden hatte oder nicht.

Ebenso gut habe ich für sehende Kollegen die Kasta­nien aus dem Feuer geholt, wenn die nicht mehr weiter konnten, zum Beispiel bei Sexualdelikten, bei Vergewal­tigungen und so. Da war ich sozusagen der Beichtvater vom Hause. Wenn solche Frauen kamen, haben die mir immer gesagt: „Wissen Sie, wenn ich einem Sehenden gegenübersitz, der hat mir zuerst schon mal auf die Brust geguckt, eh alles andere interessant war. Das merkt man doch als Frau, der hat mich praktisch ausgezogen und hat mir in die Augen geguckt. Keine Silbe hätt ich raus­gebracht, kein Wort hätte ich dem erzählt, Ihnen konnte ich das alles erzählen.“

Nach 1989 haben wir alle Fragebogen ausfüllen müssen, die wurden versiegelt und dann irgendwie über­prüft. Da wurden Fragen gestellt nach gesellschaftlichen Funktionen, nach parteilichen Funktionen und auch nach der Mitarbeit in der Staatssicherheit. Da habe ich meine Formulare beruhigt ausfüllen können. Bis zum 31. März 1992 war ich noch berufstätig.

Die Ehe hat stets unter einer gewissen Spannung gelitten

D ie erste Ehe: Geheiratet am 3. Mai 1952, eine Wirtschaftsleiterin in einer Schulküche, also vollsehend. Am 8. Januar 1954 große Tochter Gundra, am 28. April 1958 kleine Tochter Angela, die große ist mittlerweile im Schulhort tätig.

Die Ehe hat stets unter einer gewissen Spannung gelitten. Es hat eine sehr ungünstige Beeinflussung von meinen damaligen Schwiegereltern gegeben. Mein Schwiegervater war einer der ersten Kämpfer der Nazi­partei, und der hatte schon zu meinem Polizeidienst überhaupt keine Beziehung. Meine Frau stand sehr stark unter dem Einfluss ihres Elternhauses, und das begann sich belastend auf die Kinder auszuwirken. Sie hat mir später nach der Scheidung mal gesagt, sie ist immer davon ausgegangen, dass ich auf sie angewiesen bin. Sie hat sich nie vorstellen können, dass ich den Weg zur Scheidung gehen würde, und hat eben auch schikanöse Dinge gemacht.

Ich hatte vor der Ehe Hinweise darauf, sie ist prak­tisch im Typ ihr Vater, da gibt’s keine Unterschiede. Aber da sie auf der anderen Seite zu mir stand, habe ich mir gesagt: „Ich werd’s dem alten Herrn beweisen, dass es gerade geht.“ Das war immer so, dass, weil sie ja nun vollsehend war, mir bei jeder Gelegenheit gesagt wurde, wie dankbar ich sein müsste.

Meine Rettung war es, dass ich mit dem Tag der Ehescheidung ausgezogen bin, denn die Schikanen wären ja sicherlich nach der Ehescheidung nicht gerin­ger geworden. Meine Frau ist sofort nach Chemnitz gezogen. Mit meinem Kindern habe ich eine flüchtige Verbindung. Mit dem Tag der Ehescheidung bin ich ins Ledigenheim der Polizei gezogen und hatte dort ein Dach über dem Kopf.

Meine Frau ist sehbehindert

D ann habe ich den zweiten Versuch gemacht, am 30. Januar 1970, und aus dieser Ehe stammt mein Sohn, der am 4. April 1972 geboren ist. Meine Frau ist 17 Jahre jünger als ich, arbeitete in einer Betriebspoliklinik als Masseurin in Limbach. Die Betriebspoliklinik wurde mit der Wende aufgelöst und sie hat sich dann von heute auf morgen sofort selbstständig gemacht, um ihren Kundenkreis nicht einzubüßen, und leidet jetzt unter dem Problem, dass der Arbeitstag auch mit zwölf Stunden manchmal noch zu kurz ist.

Meine Frau ist sehbehindert, sehschwach. Das war vielleicht bei meiner Entscheidung schon von Bedeutung. Da war ich mir ziemlich sicher, dass es solche Vorhaltun­gen wie in der ersten Ehe kaum geben kann und auch nicht gegeben hat.

Die Blindheit ist zur Selbstverständlichkeit geworden

I ch sehe Schatten. Ich kann mir nur auf Grund von Reliefs eine Vorstellung machen, wie ein Baum aus­sieht oder wie sich die Bäume unterscheiden. Aus persönlicher Gesichtswahrnehmung heraus kann ich Ihnen das nicht sagen. Die Blindheit ist zur Selbstverständlichkeit geworden in meinem persönlichen Leben. Die Blindheit habe ich, weil ich keine andere Erinnerung hab, immer akzeptiert. Wenn ich nur mal die finanzielle Seite nehme, was ich bei der Polizei verdient habe, die Blindheit hat mir keine wesentlichen Einschränkungen gebracht. Ich kenn ja durch den Blindenverband viele andere Kollegen, die gehen in Begleitung ihrer Frau. Die sagen immer: „Das ist mein bester Führhund.“

Der Beruf hat in meinem Leben eine eminent wichti­ge Rolle gespielt. Wenn Sie mich fragen würden, was in meinem Leben falsch war, würde ich sagen, ich würde sicherlich alles wieder genauso machen wie bisher. Mit einem Unterschied: Auf Grund der gesellschaftlichen Veränderungen und auf Grund der Veränderungen im Bereich der Kriminalität würde ich nicht wieder zur Polizei gehen. Das ist auch der einzige Gesichtspunkt, wo ich sagen kann, ich bin froh, dass es vorbei ist. Aber das waren andere Verhältnisse. Die Wende kam zur rechten Zeit für mich.


 

Quelle: Wolfgang Drave

    

 

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