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Johann Georg Knie

 

Uwe Benke

Johann Georg Knie
1794-1859

Der erste blinde Direktor einer deutschen Blindenanstalt


 

„W ill man den Blinden wahrhaft glücklich, wahrhaft zufrieden sehen, so spare man nichts, ihn so selbstständig zu machen als immer möglich.“ (Knie 1837, 311) schreibt Johann Georg Knie im Anhang zum Bericht über seine pädagogische Reise und fasst damit letztlich seine Lebensphilosophie als blinder Mensch zusammen. Mit dieser Ansicht war er seiner Zeit weit voraus, da der Fürsorgegedanke des 19. Jahrhunderts eher davon ausging, dass die Nichtsehenden „von der Wiege bis zur Bahre“ (Pablasek) – vielfach in bevormundender Weise – betreut werden. Diese Haltung, die ihn nicht zuletzt zum Initiator, Gründer und Direktor der schlesischen Blindenanstalt Breslau machte, ist sicherlich seiner biographischen Entwicklung geschuldet.

J. G. Knie, als Sohn eines reisenden Zahn- und Wundarztes 1794 in Erfurt geboren, erblindete im Alter von zehn Jahren in Dresden infolge einer Infektion mit Blattern. Verschiedene Versuche unterschiedlicher Ärzte in Halle, Jena und Würzburg, die Blindheit zu heilen, scheitern. Seine Eltern wollten nach diesen Fehlschlägen „wenigstens so viel als in ihren Kräften stände, für [sein] geistiges Licht … sorgen“ (Knie, 1820, 271) und ließen sich in Mannheim häuslich nieder. Durch seinen Schulbesuch vor der Erblindung konnte er bereits lesen und schreiben und besuchte dann – zusammen mit Sehenden – das erst neu errichtete Lyzeum in Mannheim, „… wo mir vergönnt wurde, an allen Unterrichtsstunden Theil zu nehmen, die mir, als Blinden, nützen konnten oder mich ansprachen. … Schon längst hatte ich von Weissenburg, der früher zu Mannheim lebte und von den Kenntnissen und Hülfsmitteln dieses Blinden gehört. Mit der zartesten Theilnahme suchte der von Raknitz mir ähnliche Hülfsmittel zu verschaffen und das Fräulein Nüssling, … stand ihm hierin aufs freundlichste bei. Sie schufen für mich eine Karte von Deutschland, auf welcher die Flüsse durch Stickerei, die Städte durch aufgenähte Knötchen bezeichnet waren, und durch dieses Hülfsmittel [entstand] das erste deutliche Bild meines Vaterlandes in meiner Seele, … [da ich] eigentlich bei meiner Erblindung nicht viel mehr als Lesen und Schreiben konnte.“ (ebenda). Im Jahre 1808 zog er zu seiner Schwester nach Pleß in Oberschlesien und besuchte die „lateinische Stadtschule“, wo er auch seinen ersten Unterricht in der französischen Sprache erhielt.

Den Bemühungen seines Schwagers verdankte Knie zum Ende des Jahres 1809 die Aufnahme in die Königliche Blindenanstalt zu Berlin „die für mich eine neue Welt aufschließen sollte“ (273).

Von 1810 bis 1815 besuchte Knie die Blindenschule in Berlin und wurde dort bei Johann August Zeune in Wissen-schaften, Musik und Handwerk unterrichtet sowie von dessen Geist humanitär geprägt. „Nach fünf Jahren stand mein Entschluss fest, mich selbst diesem [Blinden-] Unterricht (…) aus allen Kräften zu widmen. So bezog ich in Gottes Namen, unterstützt von dem Vater alles Guten [Zeune] und vielen trefflichen Menschen, deren Herzen er gelenkt hatte, im Frühjahre 1815 die Akademie zu Breslau. Mehrfache Gründe bestimmten mich, hierher zu gehen. Hier, dachte ich, ist noch keine Blindenanstalt. Hier, dachte ich, kannst du eine, und zwar eine, wie du sie dir wünschst, mit der Zeit vielleicht errichten.“ (Einführungsbrief von Knie an J.W. Klein 1818, zit. nach Mell, A. 1891, 34)

Dort fand er auch einflussreiche Förderer, die ihm ein Stipendium an der Akademie zu Breslau vermittelten. Das Studium absolvierte er erfolgreich trotz seiner Sorge. „… nämlich, daß ich bei meinem beschränkten Einkommen mir dennoch, meines Zustandes wegen, außer einem beständigen Führer, hauptsächlich noch einen Mitstudierenden, als beständigen Vorleser und Schreiber halten mußte, da ich in den Vorträgen nicht selbst nachschreiben konnte …“ (Knie, 1820, 284) Diesem Kommilitonen diktierte er dann die Vorlesungen aus dem Gedächtnis.

Seine ersten Lehrerfahrungen hatte Knie bereits bei seinen blinden Mitschülern schon unter Zeune gemacht. In Breslau vikarierte er dann während des Studiums als Mathematiklehrer im Friedrichs-Gymnasium und machte positive Erfahrungen mit sehenden Schülern, die er hauptsächlich in Geometrie, vielfach mit selbst entwickelten Lehr- und Lernmitteln, unterrichtete. Knie schloss dann seine Ausbildung zum Blindenlehrer erfolgreich ab: „… da ich jedoch nicht blos Handarbeitenlehrer für Blinde sein wollte, sondern auch den Unterricht der Jugend in Schulkenntnissen … leiten sollte, so hatte ich mich, um hierzu berechtigt zu sein, schon früher bei einem hohen Consistorio für Schlesien zur Prüfung angemeldet und diese … am 4ten November [1818] glükklich bestanden“ (294).

Die Breslauer Blindenanstalt

Vermutlich von Zeunes, seines „väterlichen Freundes“ Ideen inspiriert, regte Knie bereits als Student 1816 in einem Zeitungsartikel die Gründung einer Blindenanstalt an, deren Trägerverein mit einflussreichen Mitgliedern dann 1817 tätig wurde. Knie konnte nach erfolgreichem Abschluss seiner Examina und abschließender ministerieller Genehmigung am 1. Februar 1819 den Unterricht des ersten blinden Schülers aufnehmen –, seines Freundes Moritz Schober, der dort später selbst Musikunterricht erteilen sollte. Die Anstalt war ursprünglich zur Ausbildung der Kriegsblinden aus den Kriegen 1813 – 1815 gedacht. Knie nahm jedoch schon im ersten Jahr ihres Bestehens mehr Kinder, Jugendliche und nicht im Krieg erblindete Erwachsene auf als Kriegsblinde, denn er erkannte rasch den anders gearteten Bedarf und reagierte schon in der Gründungsphase hierauf.

Pädagogische und organisatorische Konzeption

Als Eintrittsalter in die Blindenanstalt legte Knie zwölf Jahre fest und gab zur Information von Eltern und Lehrern die „Anleitung zur zweckmäßigen Behandlung blinder Kinder“ heraus, um jüngeren blinden Kindern auch vorher schon eine adäquate Erziehung und Unterricht zukommen zu lassen.

Die allgemeine Erfahrung von der großen Vernach-lässigung blinder Kinder in der frühesten Jugend haben den Verein für den Blinden-Unterricht in Breslau veranlaßt, eine kurze zweckmäßige Anleitung für Ältern und Lehrer erblindeter Kinder durch den Druck bekannt zu machen, worin die Behandlung und die erste Unterweisung blinder Kinder zu Haus und in der Schule auf eine leicht faßliche Art gelehrt wird.“ (Klein 1837, 63 f.)

Die Seminaristen der Breslauer Schullehrer-Semina-rien besuchten die Anstalt regelmäßig, um den Unterricht der Blinden kennen zu lernen – Knie lag sehr viel an integrativer Erziehung, er sah in einer erweiterten Lehrerausbildung den Weg, allen Blinden im Schulalter den Weg zur Bildung zu eröffnen.

Zur gleichen Zeit wie Klein in Wien entwickelt Knie den Blindendruck in Stachelschrift, läßt bereits die Stacheltypen in Blei gießen; seine Schüler drucken damit in der hauseigenen Blindendruckerei eigene Schulbücher, dabei auch solche mit geprägten geometrischen Zeichnungen etc. Andere Anstalten, z.B. Berlin, übernehmen Bücher und Stachelschrift in ihren Unterricht. Hinzu kommt Knies intensive Arbeit an der Verbesserung bestehender und Entwicklung neuer Lehrmittel.

Grundprinzip an seiner Anstalt war die Erziehung zur Selbständigkeit – insbesondere sollten die Blinden zu häuslichen Beschäftigungen angehalten werden – mit deren Hilfe den Schülern später ein weitgehend unabhängiges Leben möglich werden sollte. Dies implizierte auch einen weiteren Schwerpunkt der Anstalt im gewerblichen Bereich, dessen Ziel es war, den Schülern mit der Vermittlung handwerklicher Fähigkeiten und Fertigkeiten die finanziellen Grundlagen zur späteren eigenständigen Existenz mitzugeben. Knie selbst suchte ständig – vor allem in den Häusern der Armen – nach entsprechenden Tätigkeiten und entwickelte selbst auch verschiedene Vorrichtungen und Maschinen, mit denen sich das blindengemäße Gewerbe leichter ausüben ließ. Solche Vorrichtungen wurden den Entlassenen später mitgegeben, sie sollten ihren Lebensunterhalt damit erwerben.

Ludwig Ostermann resümiert in seinem Reisebericht 1847: „Wenn ich den Totaleindruck wiedergeben will, den die einzelnen Institute auf mich machten, so führe ich an, daß ich in … Breslau Kraft und Klugheit … vorgefunden habe.“ (Ostermann, 20).

Versorgung

Zur weiteren Versorgung entlassener Schüler dachte er auch an die Bildung reiner Blindenkolonien. Diesen Gedanken gab er später auf: „Ich … gab den Zöglingen eine solche Bildung, die, von diesem Gesichtspunkt betrachtet, ihm dienen mußte, vergaß aber, daß der Blinde in der Gesellschaft von Sehenden, die mehr vermögen als er und nicht mit Blinden leben würde. Meine Aufgabe mußte eine andere werden, indem ich das individuelle Leben der Blinden, was ich selbst am besten kannte, aufgab, und die Zöglinge in die Plätze der vollsinnigen Gesellschaft hineinzuschieben versuchte, wo ihnen ein stilles Plätzchen werden konnte.“ (17). Diese Erkenntnis resultierte aus der Erfahrung, dass – trotz umfassender Bildung – sehr viele der Entlassenen in Armenhäusern wieder zu finden waren oder von ihren Gemeinden unterhalten werden mussten.

Die Bemühungen Knies gingen deshalb dahin, in den Ortsgemeinden darauf hinzuwirken, dass „bei den Arbeiten, wo ein Blinder gewiß dasselbe wie ein Sehender leistet, der Blinde womöglich vorgezogen wurde, weil jedem Sehenden noch tausend andere Wege offen stehen, die dem Blinden leider verschlossen sind; … die Verwaltungsbehörden … Ämter, wie eines Balkentreters bei der Orgel, eines Glockenläuters, eines Radtreters bei öffentlichen Wasserleitungen und ähnliche für den Blinden mögliche Ämter allein durch die entlassenen Blinden … besetzen; man bemühte sich, die fähigen Blinden als Organisten anzustellen, wenn mit dem Amte kein Schulposten verbunden war.“ (18). Ebenso versuchte man, Blinde bei Handwerkern oder in Fabriken unterzubringen – auch unter Verzicht auf einen Teil des Lohns. Dies galt besonders für diejenigen, die in „der Ortsgemeinde, durch die Volksschule unterrichtet, groß geworden waren. In das Institut nimmt man überhaupt nur solche Blinde auf, bei denen es vorauszusehen ist, daß sie verloren sein würden, wenn man sie in ihren Verhältnissen ließe.“ (ebenda). Es ist deutlich zu erkennen, dass Knie die Konzeption seiner Anstalt immer wieder auf den Prüfstand stellte und den Erfahrungen entsprechend anpasste.

Literarische Tätigkeit

Sein erstes 1820 veröffentlichtes Werk war seine Über-setzung des Lehrbuches „Versuch über den Unterricht der Blinden …“ von S. Guillié, aus dem Französischen, das er, mit eigenen Kommentaren versehen, deutschen Lesern zugänglich machte. Knie hielt es für den Nichtfachmann besser verständlich als das 1819 erschienene „Lehrbuch..“ von Klein. Damit wollte er den Unterricht blinder Schüler in allgemeinen Schulen, auch vor dem Eintritt in eine Blindenanstalt mit zwölf Jahren, befördern. Jene Veröffentlichung, deren Verfasser Guillié interessanterweise nur in einer Anmerkung, nicht aber im Titel erwähnt wurde, nutzt Knie zugleich, um in einem ausgiebigen Vorwort seine eigene Verfassung und Erfahrungen als Blinder zu schildern. In einem umfangreichen Nachtrag, der mehr als ein Viertel des Buches umfasst, beschreibt Knie dann ausführlich seinen eigenen Werdegang, die Entstehung der Breslauer Blindenanstalt, deren Lehrplan, Ausstattung, Finanzierung und Stifter. Den Schluss bildet die konkrete Darstellung seiner Ideen zur Durchführung und Finanzierung der landesweiten Versorgung blinder Menschen sowie seiner Motive hierzu. Die Vermutung liegt nahe, dass Knie Selbstdarstellung und Konzept nicht zuletzt deshalb anfügte, um damit sowohl die Öffentlichkeit über seine Anstalt zu informieren, als auch um Spenden zu akquirieren.

Die „Anleitung zur zweckmäßigen Behandlung blinder Kinder“ verfasste Knie wohl aus der Einsicht heraus, dass die Blindenanstalten nicht alle Blinden unterrichten könnten und blinde Schüler, wo immer möglich, in den örtlichen Schulen unterrichtet werden sollten oder zumindest bis zu ihrem Eintritt in eine solche. Hierzu sollte die kostenlos erhältliche Schrift als Handreichung für Eltern und Lehrer dienen.

Bei den von Knie auch für Sehende veröffentlichten Lehrbüchern ragt die „Kurze geographische Beschreibung von Schlesien“ heraus, deren ersten Band er selbst geschrieben und die folgenden Bände mit den Orts-beschreibungen zusammen mit J. M. L. Melcher herausgegeben hat. Dabei zeigt die Konzeption, durch die die Schüler zur Selbsttätigkeit angeregt werden sollten, dass Knie nicht nur ein leidenschaftlicher Lehrer war, sondern in seiner Methodik der Zeit voraus.

Pädagogische Reise“

Der Bericht über seine „Pädagogische Reise durch Deutschland“ im Sommer 1835, die er unter den Bedingungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ohne Begleitung unternahm, muss als sein Hauptwerk betrachtet werden. Das Buch umfasst die detaillierte Bestandsaufnahme nahezu aller (13 von 17) deutschen Blindenanstalten jener Zeit mit Lehrplänen und Verfassung, Gewerbe und Aussichten sowie Besonderheiten aus eigener Anschauung.

Darüber hinaus besichtigt er eine beträchtliche Anzahl anderer sozialer Einrichtungen – dazu gehören u.a. ebenso Waisenhäuser wie Gefängnisse oder Irrenanstalten – und setzt seine Erfahrungen von vergleichbar U. Benke: Johann Georg Knie (1794 – 1859) 67 68 U. Benke: Johann Georg Knie (1794 – 1859) 69 schwierigen Bedingungen dort in Relation zum eigenen Umfeld.

Knie berichtet auch von seiner eigenen Verfassung, Empfindungen und Vorgehen sowie vielfältigen fach-lichen wie menschlichen Kontakten auf seiner Reise. Er trifft endlich Klein, der nach Knies Eindruck überrascht darüber war, „daß ich die weite Reise ohne Begleiter unternommen hatte“ (*Knie 1837, 80). Klein selbst charakterisiert ihn folgendermaßen: „Man wundert sich weniger, wie ein völlig blinder Mann, diese Reise ohne einen eigenen Führer unternehmen … konnte, wenn man den äußerst thätigen, heitern, mit allen Lebens­verhältnissen bekannten Knie persönlich kennengelernt hat, der durch seine gute Laune und Gesprächigkeit … immer solche Reisegefährten findet, welche sich gern an ihn anschließen, seinen Führer machen, und ihm die erforderliche Hülfe leisten.“ (Klein 1837, 61f)

Hiebei berührte er unter anderem die Städte Dresden, Prag, Wien, wo er längere Zeit bei Klein verweilte, Linz, München, Augsburg, Stuttgart, Frankfurt, Jena, Weimar, Halle und Berlin und kam nach dreieinhalbmonatlicher Abwesenheit wohlbehalten zu Hause an. Er besuchte überall zunächst die vorhandenen Bl.-Anstalten, jedoch auch andere Humanitäts-Institute“ (Mell 1900, 417 f.).

Im Anhang seines Berichtes resümiert Knie, dass Blindenanstalten nicht bloß Erziehungsanstalten für Kinder sein sollten, sondern auch als Beschäftigungs- und Lehranstalten für Erwachsene fungieren müssten. Ebenso plädiert er für eine Erweiterung der Aufenthaltszeiten und -zahl der Blinden in den Anstalten, die auch das weitere Fortkommen ausgeschiedener Blinder befördern sollten. Die Blindenlehrer sollten umfassend ausgebildet und auskömmlich bezahlt werden, Lehrer und Lehrmittel in hinreichender Menge zur Verfügung stehen, für den Unterricht [das Curriculum] ist ein Minimum festzusetzen. Finanziert werden solle dies über eine geringe Blindensteuer. Knie setzt sich ferner für engere Kontakte zwischen den Blindenanstalten ein und plädiert für ein Journal für den Blindenunterricht mit inhaltlichen und finanziellen Vorschlägen zum Austausch unter den Blindenanstalten – eine Idee, die mit Kongressen und Blindenfreund erst 40 Jahre später verwirklicht werden sollte.

Familie und Beruf

Kurz nach Antritt seiner Stelle in Breslau, vermutlich 1819 oder 1820, heiratet Knie. Sein Privatleben verläuft nicht ohne Probleme: Frau Lotte kränkelt über lange Jahre, seine Tochter Julie ist die einzige seiner drei Töchter, die nicht als Kind starb. Ihm war jedoch die Hoffnung erfüllt worden, „daß blinde Männer, wenn sie nur irgend ihr Brod haben, eine Frau und zwar eine sehende bekommen“ (Knie 1820, XXXII).

Interessant ist es, dass Knie hier auch die (unausgesprochen noch heute?!) geltende Meinung übernimmt, dass blinde Frauen „wohl die Pflichten einer Gattin, aber nie die einer Mutter und Hausfrau vollkommen erfüllen können“ (ebenda) und empfiehlt zu deren Versorgung den Eintritt – wo vorhanden – in ein Nonnenkloster. Des Öfteren erwähnt Knie seine Familie liebevoll in der „Pädagogischen Reise“ und bedauert ausdrücklich, dass er Frau und Tochter aus finanziellen Gründen nicht habe mit auf die Reise nehmen können. Knie behielt die Leitung der Anstalt trotz zwischenzeitlich aufgetretener Probleme bis zu seinem Tode im Jahre 1859.

Würdigung

Knie war ein ideenreicher, lebhafter, kommunikativer und vielseitig interessierter Mann. Neben seiner pädagogischen Arbeit, die er reflektierend und öffentlichkeitswirksam betrieb, betätigte er sich als Erfinder von Lehr- und Hilfsmitteln sowie von Maschinen für den Gebrauch durch Blinde. Seine Übersetzungen und seine schriftstellerische Arbeit setzte er als Mittel zum Erreichen seiner Ziele erfolgreich ein.

Knies vorzügliche Leistungen galten als ein Beweis für die Praktikabilität der konzeptionellen Gedanken Zeunes, die dieser bereits 1808 in der Schrift „Belisar. über den Unterricht der Blinden“ dargelegt hatte. Knie weicht in seiner Konzeption mit dem Schwerpunkt der ‚bürgerlichen Brauchbarkeit‘ durch intensive Vermittlung gewerblicher Fähigkeiten und Fertigkeiten deutlich von der Zeuneschen ab, die durch das geistige Umfeld Berlins weitaus stärker humanitär geprägt war und den Bildungs-gedanken in den Vordergrund stellte.

Der Schwerpunkt seiner realitätsorientierten Arbeit ist darin zu sehen, dass er – nicht zuletzt durch eigenes Beispiel – die weitgehend selbständige Lebensgestaltung seiner blinden Schüler zu erreichen suchte. Hierin war er dem Fürsorgegedanken des 19. Jahrhunderts weit voraus. Prägend hierfür dürfte seine ‚Pilgerjugend‘, wie er sie nennt, gewesen sein.

Knie gehörte zu den Ausnahmeerscheinungen unter den Blinden einer Zeit, in der sich die Blindenbildung überhaupt erst konstituierte und immer noch der Nachweis erbracht werden musste, dass Blinde überhaupt bildbar sind. Des Weiteren muss er mit seiner Tatkraft, seiner Selbständigkeit und seinem Überzeugungsvermögen als früher Vorläufer der Blindenselbsthilfe angesehen werden.

Literatur

Fischer, Adolf: Die Schlesische Blinden-Unterrichts-Anstalt in Breslau, 25 – 29, in: Geschichte der Blindenbildungsanstalten Deutschlands 1806 – 1956, Hrg. Dr. Franz Jurczek und Elisabeth Hoffmann-Halbach, Berlin 1957

Klein, Johann Wilhelm, Lehrbuch zum Unterrichte der Blinden, um ihnen ihren Zustand zu erleichtern, sie nützlich zu beschäftigen und sie zur bürgerlichen Brauchbarkeit zu bilden, Wien 1819,

Klein, Johann Wilhelm, Geschichte des Blinden-Unterrichtes und der den Blinden gewidmeten Anstalten in Deutschland sammt Nachrichten von Blinden-Anstalten in andern Ländern, Wien 1837, Pichler

Mell, A. J. G. Knie‘s Briefe an J.W. Klein. Ein Beitrag zur Geschichte des

Blindenwesens. Blindenfreund 1891, XI Jg., Nr.2, 32 – 37, 47 – 52, 72 – 77, 92 – 95, 123 – 126

Mell, A. (Hrsg.): Encyklopädisches Handbuch des Blindenwesens, 2 Bände. Wien und Leipzig 1900.

Notiz über das Ableben im „Organ“ 1859, Nr.8

Ostermann, L.: Nachrichten über mehrere Blindenanstalten Deutschlands von 1847, Der hochlöblichen Kommission der K. H. Blinden-Anstalt mitgeteilt von Dr. Ludwig Ostermann*), übertragen und bearbeitet von G. Mosel, Selbstverlag Blindenmuseum Hannover, Oktober 2000

Pablasek, Matthias: „Die Fürsorge für die Blinden von der Wiege bis zum Grabe“, Wien, 1867

Bibliographie J. G. Knie:

Knie, J. G. Ein Wort für die durch den Krieg erblindeten Schlesier. A: Streits Schlesische Provinzblätter. 64. Bd. S. 139 – 146, Breslau 1816

Guillié, S. Versuch über den Unterricht der Blinden oder ent-wickelnde Darstellung des beim Blindenunterricht angewandten Verfahrens, aus dem Französischen übersetzt durch Johann [Georg] Knie. (Mit einem Nachtrage über die Schlesische Blinden-Unterrichtsanstalt zu Breslau) XXXVI, 352 S. Breslau 1820. Holäufer

Knie, J. G. Versuch über den Unterricht der Blinden, Breslau, 1820

Knie, J. G., Kurze geographische Beschreibung von Preußisch-Schlesien, der Grafschaft Glaz und der Preuß. Markgrafschaft Ober-Lausitz oder der der gesammten Provinz Preußisch-Schlesien zum Gebrauch für Schulen, 1. Band, 180 S., Breslau, 1831, Graß, Barth und Comp.

Knie, J. G. und Melcher, J.M.L. (Hrg.) Geographische Beschreibung von Schlesien … Abt. II, Beschreibung sämmtlicher Städte und Marktflecken, 623 S. Breslau, 1834

Knie, J.G. Auch ein Wort von einem Blindenlehrer über die Äußerungen des Freiherrn von Lüttwitz …, A: Streits Schlesische Provinzblätter. Bd 100 567 – 580, 1834

Knie, J. G. Kontroverse über den Blinden- und Taubstummenunterricht in Schlesien zwischen Freiherrn von Stein, Freiherrn von Lüttwitz und Johann Georg Knie. A: Streits Schlesische Provinzblätter. Bd. 100, 101, 1834/35

Knie, J. G. Pädagogische Reise durch Deutschland im Sommer 1835, auf der ich Eilf Blinden-, verschiedenen Taubstummen-, Armen-, Straf- und Waisenanstalten als Blinde besucht und in den nachfolgenden Blättern beschrieben habe. 1837, 352 S. Stuttgart- Tübingen, Cotta

[Knie, J. G.] Ueber die Behandlung blinder Kinder in Erziehung und Unterricht zur Anleitung für Eltern, Lehrer und Wohltäter. 31 S. o. O, o. J.

Knie, J. G. Anleitung zur zweckmäßigen Behandlung blinder Kinder, 69 S., Berlin, 2. Aufl. 1837, 3.Aufl. 1839, 4. Aufl. 1851, 5. Aufl. 1858

Dufau, P.A. Versuch über den leiblichen, sittlichen und geistigen Zustand der Blindgeborenen mit einem neuen Plan für Verbesserung ihres gesellschaftlichen Zustandes. Ins Deutsche übertragen und mit Anmerkungen bereichert von J.G. Knie. Mit einem Vorwort des Directors Zeune XX, 218 S. Berlin 1839. Nicolai

Niboyet, E. Ueber Blinde und deren Erziehung. Ins Deutsche übertragen und mit Anmerkungen bereichert von J.G. Knie. Mit einem Vorwort des Directors Zeune, XVIII, 87 S. Berlin 1839. Nicolai.

Knie, J. G.: Theoretisch-praktische Lösung der zwei geometrischen Aufgaben: a. zwischen zwei gegebene grade Linien zwei Proportionalen einzuschalten nebst…b. Quadratur des Zirkels und Zirkulierung des Quadrats nebst… Erfunden und beschrieben von J. G. Knie, Breslau 1848 im Selbstverlag70 Knie, J. G. Der Unterrricht der Blinden. A: Diesterweg, Wegweiser zur Bildung für deutsche Lehrer. II Bd., S. 567 – 600. 4. Ausfl. Essen 1851. G.D. Bädeker

Knie, J. G. Erinnerungen einer Blindgeborenen nebst Bildungsgeschichte der beiden Taubstummblinden Laura Bridgman und Eduard Meystre. Nach den französischen und englischen Originalberichten des P.A. Dufau, S.G. Howe und H. Hirzel frei ins Deutsche übertragen durch J.G. Knie. VI. 365 S. Breslau 1852. Grass.

Knie, J. G., Ueber Lesen und Schreiben der Blinden, aus Organ der Taubst. und Blindenanst. Deutschlands, 1855, Nachdruck in: Blindenfreund 1917, XXXVII. Jg., Nr. 11, 233 – 238, Nr. 12, 257 – 263

Knie, Wesen und Zustand der Blinden, Blf. 1918, 220

Knie, J.G. Naturgeschichte, Reliefdruck, lose Blätter (o. J. nach Katalog des Museums für Blindenunterricht in Steglitz, 1898, 17)


Quelle:

   

     

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